Interview: Prof. Dr. Clemens Wischermann

Das „Forum Tier und Geschichte“ ist eine neue Plattform an der Universität Konstanz. „Im Gespräch“ hat bei Prof. Dr. Clemens Wischermann, dem Initiator der Plattform, Details erfragt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das „Forum Tier und Geschichte“ an der Universität Konstanz ins Leben zu rufen?

Unser erster in Konstanz mit uns lebender Kater namens Leo hat mich dazu inspiriert, zusammen mit hiesigen Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fächern erste Schritte in Richtung auf eine Erforschung der Geschichte der Beziehungen zwischen Menschen und Tieren zu tun. Die Unterstützung durch die an der Universität Konstanz als Teil der Exzellenzinitiative eingerichteten „Freiräume für Kreativität“ hat mir dann im vergangenen Jahr die Chance geboten, auch institutionell neue Wege zu gehen. Das Forum ist die erste Gründung in diesem Zusammenhang, weitere sind im Aufbau.

 

Welches Tier ist Ihr Lieblingstier?

Die Katze.

 

Warum hat Sie gerade Leo inspiriert?

Meine Frau und ich hatten vor Leo nie mit einem Tier zusammen gelebt. Wir haben nur ganz langsam verstanden und gelernt, dass und wie dieser Kater aktiv mit uns kommunizierte.

 

 

Sie wollen Ihre Forschung zunächst auf den historischen Bereich konzentrieren. Wo in der Historie beginnen Sie, wo setzen Sie den Schlusspunkt?

Grundsätzlich gibt es keinen Anfangspunkt, allerdings sind die meisten beteiligten Forscherinnen und Forscher in der Neuzeit tätig. Schlusspunkt ist immer unsere jeweilige Gegenwart, denn von daher kommen im Mensch-Tier-Verhältnis die wichtigsten Anstöße.

 

 

Wollen Sie sich bestimmte Tiere vornehmen?

Das Forum ist offen für alles „Lebendige“, nur die Abgrenzung zu den Pflanzen haben wir vorgenommen. Also werden Haustiere, Nutztierhaltung in der Landwirtschaft, Tiere im Zoo und Zirkus, exotische Tiere und viele andere zum Thema.

 

Hatten Sie als Kind ein Tier?

Nein.

 

Thematisieren Sie auch gesellschaftliche Unterschiede bei der Haltung von Tieren?

Die Haltung unserer eigenen, im Fall des Forums mitteleuropäischen Gesellschaften, steht zunächst im Vordergrund. Unsere Gesellschaft hat sich in ihrem Verhältnis zum Tier in den vergangenen zwei Jahrhunderten rasant verändert. Fast alle feineren Unterschiede zwischen den Klassen, Milieus, Religionen etc. müssen aber erst noch herausgefunden werden.

 

 

Sie selbst gehen davon aus, dass Haustiere in den vergangenen 100 bis 150 Jahren in ihrer Stellung immer mehr an den Menschen herangerückt sind. Wie begründen Sie diese Annahme?

Einige Tiere, vor allem Katzen und Hunde, sind in dieser Zeit bis in den engsten Wohn- und Familienkreis vor allem der urbanen bürgerlichen Mittelschichten aufgenommen worden. Ich nenne das den Aufstieg von Tieren zu Familienmitgliedern. Das kann man an Quellen wie zum Beispiel Autobiographien oder Fotografien sehen.

 

Und heute?

Ja, eine Katze.

 

Haben Sie Erklärungen für diese Veränderung der Stellung von Haustieren?

Gegen die lange verbreitete Annahme, ein Tier sei kein Subjekt, sondern nur ausbeutbares Objekt, entwickelten sich seit dem frühen 19. Jahrhundert ausgehend von England Tierrechtsbewegungen, die am Anfang unserer heutigen Debatten um die Rechte von Tieren und die Tierethik stehen. Gleichzeitig entfernten sich die Lebensräume von Menschen und Tieren im Zuge einer fortschreitenden Verstädterung rasch voneinander. Im Gegenzug scheinen bestimmte Tierarten in immer größere, auch emotionale Nähe zu Menschen gerückt zu sein. Die Motive könnten unter anderem in den in industrialisierten Gesellschaften ablesbaren Sehnsüchten nach einer glücklichen Kindheit im Einklang mit einer „heilen“ Natur zu suchen sein.

 

Wie sind Sie auf die Katze gekommen?

Weil diese Tiere (wenn sie eine immer offene Katzenklappe haben, die es heute sogar elektronisch mit individueller Ablesung gibt) auch im Zusammenleben mit uns ihre Freiheit behalten.

 

Auf der einen Seite sind Haustiere näher an den Menschen herangerückt, auf der anderen Seite werden sie abseits von Dörfern und Städten in Massen gehalten. Ein Widerspruch?

Das ist die typische Ambivalenz zwischen der Emotionalisierung der Beziehung zu manchen Tieren als quasi Familienmitgliedern auf der einen Seite - und auf der anderen Seite der massenhaften Haltung und Tötung in möglichst anonymisierten, nicht sichtbaren Formen zur Ernährung einer wachsenden und an Fleisch als Wohlstandindikator interessierten Bevölkerung. Wer weiß schon in Konstanz, wo der nächste Schlachthof ist? Dieser innere Widerspruch wird heute von immer mehr jüngeren Menschen als unerträglich empfunden, und sie begeben sich auf die Suche nach neuen Lösungen, im privaten wie politischen Leben.

 

 

Zum Beispiel?

Indem sie sich einer der kaum mehr überschaubaren Gründungen in der Animal Rights-Bewegung anschließen oder indem sie ihre Lebensführung vegetarisch oder veganisch ausrichten.

 

Über das Leben und den Tod von Eisbär Knut wurde viel berichtet. Was das für Sie nachvollziehbar?

Ich habe die Berichterstattung nur sporadisch verfolgt – das war ein mediales Ereignis. Was es über den Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses aussagen kann, wäre noch zu untersuchen.

 

Werden Sie Modeströmungen bei der Haltung von Tieren thematisieren?

Sie denken dabei vermutlich an so etwas wie den Wandel der beliebtesten Hunderassen. Etwas allgemeiner gefasst: Züchtung und deren gesellschaftliche Akzeptanz, das ist in der Tat ein eminent wichtiges Thema der Mensch-Tier-Beziehungen, weil der Mensch darüber seit langem seinen Steuerungswillen in das nicht-menschliche Leben hineinträgt.

 

 

Wie sieht es mit dem Thema „Das Tier als Therapeut“ aus?

Tiere werden heute in vielfacher Variation therapeutisch eingesetzt. Im Rahmen eines Seminars an der Universität Konstanz habe ich gerade auf einem Reiterhof auf dem Bodanrück Hippotherapie kennen gelernt. In einer anderen Veranstaltung war eine französische Wissenschaftlerin zu Gast, die über Delphintherapie geforscht hat.

 

 

Wollen Sie auch falsch verstandene Tierliebe untersuchen?

Der geläufigste Ausdruck dafür ist wohl „Affenliebe“, wenn jemand ohne Abstand zu jemandem anderen ist. Die Herkunft dieses Ausdrucks würde mich interessieren. Aber noch mehr die Motivation der Menschen, die ein entsprechendes Verhalten zeigen.

 

Im Münchner Tierpark Hellabraun ist das Elefantenmädchen Lola gestorben. Es wurde viel getrauert. Ist das nachvollziehbar?

Ja, für mich sicherlich. Und für die vielen Menschen, die diese aufwendige OP vorbereitet haben, war es das offensichtlich auch. Ich vermute, der tieferliegende Grund für solche große Anteilnahme ist, dass wir den Tieren eine so glückliche „Kindheit“ ermöglichen möchten, wie wir sie für uns selbst gewünscht hätten.

 

Früher wurden tote Tiere häufig verscharrt, heutzutage gibt es eigene Friedhöfe für Tiere, um die auch getrauert wird. Auch ein Thema für Sie?

Vor etwa 100 Jahren wurde der erste Tierfriedhof in Paris eingerichtet, heute sind Tierfriedhöfe weit verbreitet. Heutzutage werden kranke Haustiere in Tierkliniken gebracht und zu Organtransplantationen in die USA geflogen, was dann wiederum in deutschen Talkshows diskutiert wird. Traueranzeigen für Tiere in Tageszeitungen waren vor ein paar Jahren noch ein Skandal, inzwischen werden immer mehr veröffentlicht. Darf man um ein Tier so trauern wie um einen Menschen? Diese Frage einer Bremer Psychologin, die sie selbst bejahte, wurde noch vor wenigen Jahren als befremdlich empfunden. Dem entgegen setzt sich in dieser Frage immer mehr die Zuneigung auch zu nicht-menschlichem Leben durch.

 

 

Bleiben Sie bei Ihren Forschungsarbeiten im europäischen Raum?

Den Anfang haben wir mit dem Forum im Bereich der deutschsprachigen historisch Forschenden gemacht, um hier erstmals ein stabiles Netzwerk für Austausch und Kooperation zu schaffen. Deshalb fand das zweite Netzwerktreffen auch an der Universität Zürich statt. Der nächste Schritt ist die interdisziplinäre Verbindung der wachsenden Mensch-Tier-Forschung in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Dazu gab es im Februar 2012 ein Treffen in Konstanz, das hierfür die Grundlagen entwickelt hat. Und daran kann sich die Internationalisierung unserer Forschungsnetzwerke anschließen, für die es ebenfalls bereits erste Entwürfe gibt.

 

Lexikon

Als eigenständige Strömung im wissenschaftlichen Diskurs bestehen die Human-Animal Studies etwa seit den 1990er Jahren. Human-Animal Studies sind damit ein relativ junges interdisziplinäres Forschungsfeld, das dem englischsprachigen wissenschaftlichen Diskurs entstammt. Im Fokus der Human-Animal Studies stehen die komplexen und multidimensionalen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen stammen aus unterschiedlichen Forschungsdisziplinen wie der Soziologie, der Psychologie, der Geschichtswissenschaft, der Erziehungswissenschaft, der Philosophie, der Literaturwissenschaften, den Gender Studies, der Biologie und der Kulturwissenschaft. Der Gründungsinitiative an der Universität Konstanz geht es zunächst darum, Human-Animal Studies auf den historischen Bereich zu konzentrieren. Das bedeutet die Einbeziehung der Rolle von Tieren in die Betrachtung von Epochen und Zeiträumen sowie in den Entwurf von geschichtlichen Situationen. Wobei dies durchaus unterschiedliche Formen annehmen kann. Manche Vertreter der Richtung verstehen die Rolle der Tiere, über die reine Berücksichtigung hinaus, als Subjekte mit eigenständiger historischer Wirkungsrelevanz.

 

Mitinitiator der Plattform ist Ihr österreichischer Kollege Prof. Dr. Stefan Zahlmann von der Universität Wien. Welche Beweggründe hat er?

Das sollte er Ihnen am besten selbst beantworten. Auf jeden Fall hat er lange mit Papageien zusammen gelebt und kann ganz wunderbare und skurrile Geschichten aus diesem Miteinander erzählen.

Prof. Dr. Clemens Wischermann...

wurde 1949 in Oberhausen im Rheinland geboren. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Geschichte, Germanistik sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an den Universitäten Freiburg und Münster. Nach dem ersten Staatsexamen wurde er wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Universität Münster. Dort wurde er 1981 promoviert, 1989 habilitierte er sich in Münster. Zuvor hatte er einen einjährigen Forschungsaufenthalt an der Maison des Sciences de l´Homme in Paris, Frankreich, wahrgenommen. Es folgten eine Hochschuldozentur und eine Professur in Münster sowie weitere Lehr- und Forschungsaufenthalte in den 1990er Jahren in Bielefeld, Düsseldorf und München. Seit 1999 ist Clemens Wischermann Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Konstanz.

Maria Schorpp

Von Maria Schorpp - 08.10.2015