Gleich dreifach nicht selbstverständlich

Förderpreis der Stadt Konstanz für Dr. Frederik Hartmann, Dr. Nico Kunkel und Dr. Aikaterini-Lida Kalouli: Prämierung von drei Doktorarbeiten im Bereich der „Digital Humanities“ und der künstlichen Intelligenz

© Dr. Jürgen Graf

In der Hitze des Sommers 2022 ist es nicht selbstverständlich, bei Temperaturen jenseits der 30 Grad freiwillig eine Preisverleihung zu besuchen. Ebenso wenig ist es selbstverständlich, dass der Stifter kurzfristig das Preisgeld erhöht, um noch eine dritte Person auszuzeichnen – weil die eingereichten Doktorarbeiten eine so hohe Qualität haben, dass es schade gewesen wäre, nur zwei zu prämieren. Auch nicht selbstverständlich ist es darüber hinaus, dass sich der Förderpreis explizit an Arbeiten aus den Literatur- und Sprachwissenschaften richtet – und dass alle drei prämierten Arbeiten im Feld der „Digital Humanities“ (geisteswissenschaftliche Forschung unter Einsatz von Methoden der Informatik) und der künstlichen Intelligenz anzusiedeln sind. Dennoch kamen beim diesjährigen Förderpreis der Stadt Konstanz all diese seltenen Umstände zusammen.

Im Stadtarchiv Konstanz fanden sie sich ein: PreisträgerInnen, Stifter, LaudatorInnen, Freunde und Förderer der Universität Konstanz. Der Nachmittag war schon vorangeschritten, die Stadt entsprechend von der Sonne aufgeheizt, doch den Gastgebern ist die Herkulesaufgabe gelungen, den Festsaal trotz Hitzerekord kühl zu halten. Trommeltakte dringen aus der benachbarten Musikschule herüber, als wären sie eine musikalische Begleitung der Festveranstaltung. Der Raum ist hell und freundlich, alle Augen richten sich auf die PreisträgerInnen. Kulturbürgermeister Andreas Osner ergreift das Wort.

Osner betont die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Universität und Stadt Konstanz, die unter anderem im Förderpreis der Stadt Konstanz ihren Ausdruck findet. Der Förderpreis wird seit 1985 lückenlos vergeben. Eine Seltenheit: Er zeichnet bewusst geisteswissenschaftliche Doktorarbeiten aus. Rektorin Prof. Dr. Katharina Holzinger gratuliert der Stadt Konstanz zu der Entscheidung, den Preis explizit der literaturwissenschaftlichen und linguistischen Forschung zu widmen. Die Qualität der diesjährigen prämierten Arbeiten unterstreicht den Weitblick dieser Entscheidung.

Alle drei prämierten Dissertationen zeichnen sich durch eine hohe methodische Innovation aus – und alle drei sind am Schnittpunkt der Geisteswissenschaften und der Informatik angesiedelt. Frederik Hartmann und Nico Kunkel setzen Computeralgorithmen methodisch ein, um geisteswissenschaftliche Fragestellungen zu beantworten. Aikaterini-Lida Kalouli befasst sich mittels computerlinguistischen Methoden mit Problemen der künstlichen Intelligenz. In allen drei Fällen erfordert es neben dem geisteswissenschaftlichen Portfolio zusätzliche Kompetenzen in der Informatik, insbesondere Programmierkenntnisse. Entsprechend aufwändig und innovativ sind die drei im Folgenden vorgestellten Dissertationen.
 
Dr. Frederik Hartmann (Linguistik): „Germanic phylogeny: A computational investigation using Bayesian inference and agent-based models“
Frederik Hartmann untersuchte den „Sprachstammbaum“ der germanischen Sprachen, also die Verwandtschaftsbeziehungen und wechselseitigen Einflüsse zwischen den (frühen) germanischen Sprechergemeinschaften seit 500 v. Chr.: Welche Entwicklung nahm die germanische Sprache? Wie entstanden neue Sprachvarianten? Welche sprachlichen Einflüsse wirkten dabei aufeinander?

Hartmann nutzte dabei den computerlinguistischen Ansatz einer „agentenbasierten Simulation“: Er rekonstruierte durch Computersimulation, welche historisch-geographischen Einflüsse die Sprechergemeinschaften aufeinander hatten, und bildete dadurch den dynamischen Entwicklungsprozess der germanischen Sprachen ab.
 
Dr. phil. Nico Kunkel (Literaturwissenschaft): „Modulares Erzählen. Serialität und Mouvance in der Erzähltradition der ‘Sieben weisen Meister’“
Die Erzählung der „Sieben weisen Meister“ war im Mittelalter das, was wir heute einen „Bestseller“ nennen würden. Entsprechend oft wurde die Erzählung vervielfältigt, abgeschrieben – und dabei immer wieder verändert. Das Ergebnis ist eine schier unübersichtliche Zahl an Varianten derselben Grundgeschichte, die in den Details dann aber doch teils entscheidend voneinander abweichen.

Nico Kunkel nahm die Arbeit auf sich, diese Textvarianten zu erschließen. Er setzte dabei Computeranalysen für einen systematischen Vergleich der Erzählvarianten ein. Dadurch beantwortet er nicht nur die Frage, wo und warum die Schreiber Textteile verändert haben, sondern zeigt vor allem auf, was man aus dem Vergleich aller Textversionen für die jeweils einzelne Variante schließen kann. Mit einer aufwändigen Materialsammlung und Textaufbereitung legt Kunkel eine neue Grundlage für die philologische Erschließung einer Erzählung, die trotz ihrer literaturhistorischen Bedeutung erstaunlich untererforscht ist.
 
Dr. Aikaterini-Lida Kalouli (Linguistik): „Hy-NLI: a Hybrid system for state-of-the-art Natural Language Interference“
Wir alle kennen heute Computerassistenten wie Siri oder Alexa – und wir kennen ihre Grenzen. Aikaterini-Lida Kalouli befasste sich in ihrer Doktorarbeit mit einem Bereich, mit dem Computerassistenten noch immer entscheidend zu kämpfen haben: Schlussfolgerungen. Um eine korrekte Schlussfolgerung zu ziehen, muss ein Computerprogramm nicht nur Logik anwenden können, sondern auch über Weltwissen verfügen, um die Sachverhalte einordnen zu können. Die heutigen Informationsverarbeitungssysteme scheitern daran, beides in sich zu vereinen.

Im Rahmen ihrer Dissertation entwickelte Kalouli ein hybrides „Natural Language Inference“-System, das in der Lage ist, die Beziehung zwischen sprachlichen Aussagen korrekt einzuschätzen und somit Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Preisträgerin konnte bei der Prämierung leider nicht anwesend sein. Stellvertretend für sie übernahm Laudatorin Prof. Dr. Miriam Butt die Vorstellung ihres Promotionsprojekts und schilderte es als eine Arbeit, die weit über das hinausgehe, was Dissertationen üblicherweise umfassen.

Bildunterschrift zum Titelbild: Von links nach rechts: Prof. George Walkden (Betreuer von Frederik Hartmann), Dr. Frederik Hartmann (Preisträger, Linguistik), Prof. Miriam Butt (Betreuerin, übernahm stellvertretend für die Preisträgerin Dr. Aikaterini-Lida Kalouli den Redebeitrag), Dr. Nico Kunkel (Preisträger, Literaturwissenschaft), Prof. Bent Gebert (Betreuer von Nico Kunkel)
 

Dr. Jürgen Graf

Von Dr. Jürgen Graf - 01.08.2022