Vom Kriegsflüchtling zum wissenschaftlichen Neuanfang

Stell dir vor: Es ist Krieg und deine wissenschaftliche Karriere, bislang vielversprechend, wird auf einen Schlag zunichte gemacht. Denn du musst fliehen, um nicht dein Leben in den Kriegswirren zu verlieren. Gefährdete WissenschaftlerInnen sind noch stärker als andere Forschende auf persönliches Engagement und institutionelle Unterstützung angewiesen. Dank dessen hat der sudanesische Forscher Mohammed Gebrail nicht nur überlebt, sondern auch seine Forschung fortsetzen können… in Konstanz.
© Humboldt Stiftung, David Ausserhofer

Als der Bürgerkrieg im April 2023 im Sudan ausbrach, wurde die akademische Laufbahn von Mohammed Gebrail als Postdoktorand der Ökonometrie und Sozialstatistik – sowie sein ganzes Leben – auf den Kopf gestellt. „Mein Leben hat sich über Nacht verändert“, erinnert er sich. Seine einst von der Forschung geprägte Zukunft wurde zu einem täglichen Kampf um Sicherheit. Dies zwang ihn letztendlich dazu, sein Zuhause zu verlassen – wie Millionen seiner Landsleute.

Während er noch mit seiner Frau und seinen Kindern im Sudan festsaß, wandte er sich an Anke Höffler, Leiterin der „Development Research Group“ an der Universität Konstanz. Auf seine Bitte um Rat hin ermutigte sie ihn, sich bei der Philipp Schwartz-Initiative (PSI) zu bewerben, einem Programm zur Unterstützung gefährdeter Forschender.

Die Zusammenarbeit zwischen Gebrail und Höffler hatte bereits viele Jahre vor dem Krieg begonnen, nachdem sie sich 2019 beim jährlichen Workshop des „African Economic Research Consortium“ (AERC) in Dakar, Senegal, kennengelernt hatten. Bereits für ihre Pionierarbeit in der politischen Ökonomie und der Gewaltforschung international anerkannt, genoss Höffler ebenso großes Ansehen für ihr Mentoring junger afrikanischer WissenschaftlerInnen. Was als akademische Partnerschaft begann – im Rahmen eines Projekts zur Auslandsverschuldung des Sudans bot ihm Höffler Mentoring – entwickelte sich allmählich zu einer langfristigen beruflichen Beziehung.

Ein neues Kapitel in seinem Leben
Mohammed Gebrails Flucht aus dem Sudan war so gefährlich wie hart. Nach nur drei Tagen Kampfgeschehen in Khartum verließ seine Familie nur mit dem Allernötigsten das Zuhause und ließ beinahe alles zurück, was sie sich über viele Jahre aufgebaut hatte. Sie zog zu seinen Eltern in ein Dorf nahe Kosti im sudanesischen Bundesstaat White Nile, doch das Leben blieb prekär. Die Universitäten waren geschlossen, die Gehälter wurden nicht mehr bezahlt und häufige Stromausfälle sowie eine unzuverlässige Internetverbindung machten Forschung „praktisch unmöglich“. Um das Visumverfahren abzuschließen und nach Deutschland zu gelangen, musste er eine gewagte Reise durch den Südsudan und Äthiopien auf sich nehmen. Seine Ankunft in Konstanz stellte daher „weit mehr als nur ein Arbeitsplatzwechsel“ dar; sie bildete „den Anfang eines neuen Kapitels“.

© Mohammed Gebrail

Seine Herkunft und seine Arbeit in einem der konfliktreichsten Länder der Welt vermittelten Mohammed Gebrail eine besondere Sichtweise. Sowohl seine Forschungsagenda als auch seine persönlichen Ziele prägten sie grundlegend. Statt Konflikte als abstraktes Phänomen zu erforschen, strebt er danach, „empirisch gestütztes Wissen zu generieren, das zu besseren Politikmaßnahmen beitragen, Institutionen stärken und letztlich Frieden und Entwicklung im Sudan und anderen instabilen Weltregionen fördern kann“. Konstanz, so glaubt er, habe ihm „die optimale Umgebung geboten, um diesen Auftrag zu verfolgen“.

Forschung als Auftrag?
Seine Forschung liegt an der Schnittstelle zwischen Entwicklungsökonomie, politischer Ökonomie sowie Friedens- und Konfliktforschung. In seiner Arbeit untersucht er die Auswirkungen gewaltsamer Konflikte auf die wirtschaftliche Entwicklung und das Wohlergehen der Menschen. Er entwirft Wege, wie eine evidenzbasierte Politikgestaltung zu „friedlicheren, resilienteren und inklusiveren Gesellschaften“ beitragen kann. Aktuelle Projekte von ihm analysieren die wirtschaftliche Belastung durch den Krieg im Sudan und Wege zu dauerhaftem Frieden innerhalb des Landes. Gleichzeitig werden die damit verbundenen Herausforderungen im erweiterten Horn von Afrika und in der MENA-Region (Nahost und Nordafrika) betrachtet.

„Wenn meine Arbeit künftigen Generationen helfen kann, ein friedlicheres und wohlhabenderes Leben im Sudan zu führen, wird das meine größte Errungenschaft sein.“

Mohammed Gebrail

Trotz des durch den Krieg verursachten Umbruchs war sein erstes Jahr an der Universität Konstanz bemerkenswert produktiv und führte zu mehreren peer-reviewed Veröffentlichungen, Vorträgen auf internationalen Konferenzen und neuen Forschungskooperationen.

Eine Zukunft in Deutschland?
Dank der Unterstützung der Philipp Schwartz-Initiative und des Welcome Centre der Universität Konstanz gelang es Gebrail, sich bald in unbekannten Verwaltungsabläufen zurechtzufinden, an Deutschkursen teilzunehmen und wichtige Schritte für seine Integration sowohl in die Universität als auch in die deutsche Gesellschaft zu unternehmen.

Durch Anke Höffler erfuhr er zum ersten Mal vom Zukunftskolleg, das ihm Unterstützung in Form eines Stipendiums anbot. Das Zukunftskolleg sei eine Einrichtung, die weit mehr als ein Forschungsinstitut sei und vielmehr eine für den interdisziplinären und generationsübergreifenden Austausch bestimmte Gemeinschaft darstelle. Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen stellen ihre jeweiligen Standpunkte gegenseitig auf den Prüfstand und entwickeln gemeinsam neue Ideen, sagt er. Dies habe seiner Erfahrung in Konstanz „eine tiefgreifende neue Dimension“ verliehen.

Seine Zukunftspläne sind sowohl mit Deutschland als auch mit dem Sudan eng verbunden. Er hofft, weiterhin international anerkannte Forschungsarbeit zu leisten und dabei Perspektiven einzubringen, „die in der internationalen akademischen Debatte oft unterrepräsentiert sind“. Gleichzeitig träumt er davon, mit seiner Familie – die sich derzeit in Äthiopien aufhält – in Deutschland vereint zu werden. Eines Tages möchte er dann durch seine Forschung, Lehre und Politikberatung zum Wiederaufbau des Sudans beitragen. „Wenn meine Arbeit künftigen Generationen helfen kann, ein friedlicheres und wohlhabenderes Leben im Sudan zu führen“, sagt er, „wird das meine größte Errungenschaft sein.“

Seit 2007 unterstützt das Zukunftskolleg der Universität Konstanz WissenschaftlerInnen in ihrer Karriere, bis sie eine Professur antreten. Forschungsgruppen, GastwissenschaftlerInnen, KurzzeitstipendiatInnen und gefährdete Forschende bilden eine interdisziplinäre, internationale, generationsübergreifende, in die Universität integrierte und unabhängige Gruppe, die sich wöchentlich zum Austausch im Jour fixe trifft. Die als „Startkapital“ bereitgestellten Fördermittel helfen den Forschenden, ihre Arbeiten auf internationalen Konferenzen vorzustellen und neue Forschungsprojekte ins Leben zu rufen, für die sie dann Drittmittel beantragen können.


Titelbild: Mohammed Gebrail (links) und Anke Höffler (2.v.l.) beim Philipp Schwartz Forum 2026 

Sigrid Elmer

Von Sigrid Elmer - 06.08.2026