Poesie des Fotografischen

Fotografie muss nicht immer ein Abbild unserer Welt produzieren, sie kann auch sehr eigene Bildlogiken erschaffen. Die Ausstellung „Gottfried Jäger. Poesie des Fotografischen“ von Studierenden der Universität Konstanz präsentiert den Pionier der generativen Fotografie in nie gesehener Ausführlichkeit.

Wenn Sie auf der Straße jemanden fragen, was Fotografie ist, dann wird die Antwort vermutlich in etwa so ausfallen: Fotografie liefert uns ein Abbild unserer Welt: Sie hält etwas fest, das „vor der Kamera gewesen ist“, und bannt es auf Papier (oder heute auf Speicherchips).

Diese Antwort ist prinzipiell nicht verkehrt, sie greift aber zu kurz: Denn Fotografie kann noch sehr viel mehr als „nur“ ein Abbild der Welt zu produzieren. Die (analoge) Fotografie ist zunächst einmal ein foto-chemischer, bildgebender Prozess. Dieser kann auch ganz andere Bilder erzeugen als diejenigen Motive, die real vor einer Kamera waren und „abgelichtet“ wurden.

Welche immensen Möglichkeiten und Spielräume eine solche abstrakte Fotografie hat, die nicht länger die Welt dokumentiert, sondern ihre eigenen Bildlogiken hervorbringt – das zeigt die Ausstellung „Gottfried Jäger. Poesie des Fotografischen“ in Konstanz. Studierende der Universität Konstanz entwickelten die Ausstellung in einem Seminar unter Leitung von Bernd Stiegler und Anna Martinez Rodriguez, in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Konstanz. Die im März 2026 eröffnete Ausstellung im Turm zur Katz zeigt das Werk des Pioniers der generativen Fotografie in einer bis dato nie gesehenen Ausführlichkeit.

Fotografie ohne Abbild
Im 20. Jahrhundert wurde die Fotografie abstrakt. Nicht unbedingt im Alltag, da wurde weiterhin geknipst wie eh und je. In den Kunstateliers und Dunkelkammern hingegen entwickelte sich die nicht-gegenständliche Fotografie als eine neue, faszinierende Kunstrichtung. KünstlerInnen ergründeten die Möglichkeiten und Ästhetiken einer Foto-Kunst, die nicht länger unsere gegenständliche Welt dokumentiert, sondern fotografische Verfahren für eigene Ausdrucksformen nutzt. Im Fokus stand nicht mehr, was „vor der Kamera“ war, sondern die Prozesse „im Inneren der Kamera“.

Diese experimentelle Fotografie fächerte schnell in verschiedene Spielarten auf: darunter die konkrete Fotografie, welche die Arbeit mit dem fotografischen Verfahren und Material in den Vordergrund rückt, oder auch die generative Fotografie, bei der Bilder durch technische Verfahren hervorgebracht werden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass es bei dieser Fotografie nicht mehr um das Abbild der Welt geht, sondern um den fotografischen Prozess an sich, der selbst „zum Bild wird“. Zwischen Theorie und Experiment fand die abstrakte Fotografie ihre eigene, faszinierende Bildsprache.

© Gottfried Jäger

Der Zufall nach System
Einer der Pioniere und wichtigsten Vertreter dieser Kunst ist Gottfried Jäger. Typisch für seine Kunst ist eine regelbasierte, fast schon algorithmische Arbeitsweise. Seine Bilder entstehen in einem Prozess zwischen Regel und Zufall. Technische Arbeitsschritte werden in einem systematischen Verfahren nach vorgegebenem Ablauf durchgeführt und führen zum Bild. Der Mensch gibt die Schritte vor, doch der Apparat setzt das Bild um. Das Ergebnis ist vom Künstler zwar gesteuert, aber doch nicht komplett festgelegt. Es ist ein Zufall nach System, ein poetischer und zugleich technischer Akt.

Die Fotografiehistorikerin Kathrin Schönegg vergleicht dies mit dem „Prompt“ einer Künstlichen Intelligenz, also mit dem Eingabetext, der die KI zu ihren Arbeitsschritten anweist. Der Mensch formuliert die Regeln, überlässt die Umsetzung aber der Maschine. Das Resultat ist angeleitet, aber letztlich ein großes Stück weit Zufall: Wer schon einmal ein Bild von einer KI erzeugen ließ, kennt das nur zu gut. Verblüffend ist jedoch zu sehen, wie eng sich die die generative Fotografie und die heutige KI-Kunst konzeptionell berühren. In der generativen Fotografie der 1960er-Jahre waren die Prinzipien der KI-Kunst bereits angelegt.

Stockwerk für Stockwerk durch die Ausstellung
Die Bilder Gottfried Jägers aus mehr als sechs Jahrzehnten Schaffenszeit werden in der Ausstellung „Poesie des Fotografischen“ auf vier Stockwerken des Konstanzer Turms zur Katz präsentiert. Die Bilder sind chronologisch angeordnet, von den frühen Arbeiten Jägers im Erdgeschoss bis zu den jüngsten Werken unter dem Dach. Die Ausstellung zeigt nicht nur die vollendeten Bilder, sondern auch viele Skizzen oder Testreihen und gibt dadurch einen Einblick in Jägers Arbeitsweise.

Der Künstler selbst zeigte sich bei der Vernissage überrascht von dem Umfang der Ausstellung: „Mein Werk ist noch nie in dieser Ausführlichkeit gezeigt worden, noch nie in diesem Tiefgang“, so Jäger. Er hatte die Studierenden in sein Atelier in Bielefeld eingeladen und ihnen sein beinahe komplettes Werk in die Hände gegeben. „Mehr, als wir hängen konnten“, bedankt sich Bernd Stiegler und versichert: „Sein überaus generöses Vertrauen in uns war uns Geschenk und Auftrag zugleich.“ Jäger selbst hat dieses Vertrauen nicht bereut: „Ich habe mich immer in deinem Umkreis aufgehoben und verstanden gefühlt“, dankte er Bernd Stiegler für ihre langjährige Zusammenarbeit, die nun in der Ausstellung gipfelte.

Der Aufwand war entsprechend groß: Insgesamt 30 Studierende wirkten an der Ausstellung mit. Im Seminar des Studiengangs „Literatur – Kunst – Medien“ bereiteten sie die Ausstellung in Theorie und Praxis akribisch vor: Sie setzten sich mit der Kunst Gottfried Jägers auseinander, wählten passende Werke aus, die seine Schaffensphasen und zentrale Themenbereiche repräsentieren, erstellten Hängepläne und verwarfen sie wieder, bis auch das letzte i-Tüpfelchen stimmte.

„Wo wird das aufgehängt? Und vor allem: welche Werke?“, schildern die Studierenden die Gretchenfrage der Ausstellungsplanung. „In echt sieht das ganz anders aus“, mussten sie häufig feststellen – und begannen die Planung von Neuem. Die Mühe hat sich gelohnt, die Hängung der Ausstellung ist außerordentlich gelungen: Sie leitet ihre BesucherInnen in einem Spaziergang durch die Schaffensphasen Jägers. Es gelingt ihr, die komplexen Zusammenhänge einer nicht ganz einfachen Kunst mühelos verständlich zu machen. So selbsterklärend zeigt sich die abstrakte Fotografie nur selten.

Die Ausstellung „Gottfried Jäger. Poesie des Fotografischen“ ist noch bis 23. August 2026 im Turm zur Katz in Konstanz zu sehen (Kulturzentrum am Münster, Wessenbergstraße 43, Konstanz).

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00-18.00 Uhr;
Samstag und Sonntag/ Feiertage 10.00-17.00 Uhr

Führungen: Öffentliche Führungen durch Studierende des Seminars finden an jedem ersten Sonntag im Monat um 15.00 Uhr bei freiem Eintritt statt. Nächste Termine: 3. Mai / 7. Juni / 5. Juli / 2. August 2026
 

Headerbild: Kathrin Schönegg, Anna Martinez Rodriguez, Gottfried Jäger, Bernd Stiegler. Copyright: Kulturamt Konstanz / Torben Nuding

 

Jürgen Graf

Von Jürgen Graf - 22.04.2026