AND NOW HANAU!

Es ist der 19. Februar 2020: Ein 43-jähriger Mann erschießt in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven. Anschließend ermordet er seine Mutter und schließlich sich selbst. Sechs weitere Personen werden verletzt, zum Teil schwer. Die Tat lässt die Menschen in Hanau und ganz Deutschland fassungslos zurück. Eine jahrelange Aufarbeitung beginnt, in deren Mittelpunkt immer wieder Vorwürfe von schwerem Behördenversagen stehen.
Sieben Jahre später: Es ist der 17. Juni 2026, an einem sommerlichen Abend in der Konstanzer Altstadt. Vor dem K9, dem Kommunalen Kunst- und Kulturzentrum, steht eine Menschenschlange, die darauf wartet, das Dokumentar-Theaterstück AND NOW HANAU! des Theaterhaus Stuttgart zu sehen. Im Anschluss soll eine Podiumsdiskussion stattfinden, bei der sowohl das Ensemble des Stückes als auch WissenschaftlerInnen des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz zu Wort kommen. In AND NOW HANAU! werden die Ereignisse rund um den rassistischen Anschlag von Hanau rekonstruiert.
Nach und nach füllt sich das K9. Unter den BesucherInnen befinden sich viele Studierende der Universität Konstanz, nicht zuletzt deshalb, weil ein Seminar unter der Leitung von Sebastian Koos den Anschlag als Ausgangspunkt nutzte, um die gesellschaftlichen Bedingungen, Erscheinungsformen und Erklärungen rechter Gewalt analytisch zu untersuchen.
Im K9 wird nun das Licht gedimmt. Regisseur Werner Schretzmeier betritt die Bühne und macht gleich zu Beginn deutlich: „Alles, was Sie heute hören, ist wahr.“ Vieles davon sei bereits im medialen Diskurs aufgegriffen worden. Zugleich stellte er die Hypothese in den Raum, dass das Publikum bereits vieles von dem vergessen habe, was am 19. Februar 2020 in Hanau und in der Zeit der Aufarbeitung geschah. Vergessen, verdrängt oder vielleicht nie in einer solchen Intensität und Detailgenauigkeit gehört? Nach der knapp eineinhalbstündigen Inszenierung scheint das Vergessen oder Verdrängen des Geschehenen zumindest an diesem Abend im K9 nicht mehr möglich zu sein. Und das trotz oder gerade wegen der Schlichtheit der Inszenierung. Die fünf DarstellerInnen Katja Schmidt-Oehm, Larissa Ivleva, Irfan Kars, Stephan Moos und Ufuk Oehlerking sitzen die meiste Zeit auf der Bühne. Das Bühnenbild ist reduziert und könnte ebenso gut das Setting einer Buchlesung sein.
Jeglicher mögliche anfängliche Zweifel, ob es sich hierbei lediglich um eine Buchlesung handeln könnte, ist jedoch schon nach kurzer Zeit verflogen. Denn hier werden nicht bloß Fakten über einen rassistischen Anschlag vorgetragen. Hier wird erinnert. An die ermordeten Menschen ebenso wie an ihre Angehörigen, welche bis heute unter den Folgen des rassistischen Anschlags, des behördlichen Versagens und der mangelnden Empathie leiden. Auf Wunsch der Hinterblieben werden nur neun der zehn Namen der Opfer an diesem Abend genannt. Jede einzelne der genannten ermordeten Personen wird vom Ensemble chorisch ausgesprochen:
Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtović, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov und Ibrahim Akkuş
Ihre Bilder erscheinen auf der Leinwand. Erzählt wird, wer sie waren, was sie ausmacht und was sie am 19. Februar 2020 gemacht haben. Die Abläufe des rassistisch motivierten Anschlags werden mit einer Detailgenauigkeit geschildert, die erschüttert.
Mit derselben eindringlichen Detailgenauigkeit und spürbaren Empathie arbeitet das Ensemble auch den Umgang mit den Angehörigen am und nach dem 19. Februar 2020 auf: die Stunden des Wartens in einer Sporthalle ohne klare Informationen und ohne psychologische Betreuung. Der Rassismus und die Kriminalisierung, mit denen die Angehörigen konfrontiert wurden. Die vielen unbeantworteten Fragen und das wahrgenommene mangelnde Interesse an einer umfassenden Aufklärung im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags.
All das Geschehene und die Emotionen werden von den Darstellenden auf die Bühne gebracht und an das Publikum weitergegeben. Die Emotionen und das Geschehene konnten an dem Abend im K9 nicht verdrängt werden, etwa wenn die Angehörigen von einem Opfer zitiert werden: „Mein Opa wurde im KZ vergast, meine Tochter in Hanau erschossen.“
Vergessen oder verdrängt werden können auch die klaren Verwaltungsfehler und Missstände nicht, die rund um den 19. Februar 2020 sichtbar wurden: unbeantwortete Polizeinotrufe, verschlossene Notausgänge oder SEK-Beamte in rechtsextremen Chatgruppen, die in der Tatnacht im Einsatz waren. Viele offene Fragen und wenige Antworten für die Angehörigen. Denn die meisten Verfahren wurden „EINGESTELLT“, wie das Ensemble mehrfach chorisch betont.
Die vielen offenen Fragen, die das Stück aufwirft, sind auch in der anschließenden Podiumsdiskussion Thema. Durch die rege Beteiligung des Publikums wird unter anderem zu dem strukturellen Rassismus diskutiert sowie zu den Fragen, warum der Täter kaum in dem Stück Beachtung findet und wie das Ensemble mit der emotionalen Belastung dieses Dokumentartheaters umgeht.
„Menschen, die so aussehen wie wir, spüren den Rechtsruck in Deutschland“.
Ensemble-Mitglied Irfan Kars über seine eigenen Erfahrungen mit Rassismus
Abschließend ordnen Sebastian Koos, Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Soziale Bewegungen, und Wolfgang Seibel, emeritierter Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft, das Stück aus wissenschaftlicher Perspektive ein. Dabei wird deutlich, dass die Ereignisse rund um den rassistischen Anschlag von Hanau bis heute von schwerwiegenden Vorwürfen des behördlichen und administrativen Versagens begleitet werden. Zugleich machen die Wissenschaftler deutlich, dass Hanau kein Einzelfall ist, wenn es um Verwaltungsfehler geht.
© Ilja MessWolfgang Seibel weist etwa auf seine aktuelle Forschung zur Aufarbeitung des NSU-Mordes an Süleyman Taşköprü in Hamburg hin. Gemeinsam mit einem interdisziplinären Forschungsteam untersucht er die behördlichen Strukturen und Entscheidungsprozesse rund um die damaligen Ermittlungen. Im Mittelpunkt stehen dabei die sozialen und organisatorischen Dynamiken innerhalb von Polizei und Justiz sowie die Frage, wie institutionelle Fehler entstehen und warum sie oft nur unzureichend aufgearbeitet werden. Gleichzeitig diskutieren die Wissenschaftler, wie eine bessere Aufarbeitung solcher Verwaltungsfehler aussehen kann und welche Möglichkeiten bestehen, rechtsextreme Gewalttaten künftig präventiv zu verhindern.
Die Schlussdiskussion macht deutlich, dass weder das Verwaltungsversagen in Hanau noch das rassistische Motiv der Tat ein Einzelfall sind: Die zentrale Kernaussage des Stücks „Hanau ist überall“ kann auch in den Tagen nach der Vorstellung nicht vergessen oder verdrängt werden. Dieser Theaterabend schafft es, Emotionen, Fakten und wissenschaftliche Perspektiven miteinander zu verbinden. Gerade deshalb wirkt er weit über die Aufführung hinaus: Er macht nachdenklich, bewegt und bleibt auch noch Tage nach dem Verlassen des K9 unvergesslich.

