Die Freiheit der Wissenschaft verteidigen

Wenn weltweit politische Angriffe auf die Wissenschaft zunehmen – wie kann dann die Autonomie der Hochschulen bewahrt werden? Zu ihrem 60. Jubiläum widmete sich die Universität Konstanz dem Thema der Freiheit der Wissenschaft, in der Podiumsdiskussion „Wissen schafft Resilienz“ mit Wissenschaftsministerin Petra Olschowski und weiteren ExpertInnen.
© Universität Konstanz / Philipp Uricher

Wie schnell das politische Klima eines Landes kippen kann und welche drastischen Auswirkungen auf die Freiheit der Wissenschaft dies mit sich bringt, bekam die Sozialwissenschaftlerin Eirliani Abdul Rahman binnen weniger Jahre zu spüren. Noch vor rund vier Jahren war sie Mitglied eines Beratungsgremiums bei Twitter (heute X), vor nicht mal einem Jahr forschte sie noch an der Harvard University. Inzwischen hat sie die USA verlassen, angesichts zunehmender Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit. „In weniger als einem Monat kam es zu einem drastischen Anstieg an Hassreden“, blickt sie auf das Jahr 2022 zurück, als Elon Musk den Kurznachrichtendienst Twitter übernahm. Aus Protest verließ sie dessen „Trust and Safety Council“, prangerte die Missstände öffentlich an – und wurde daraufhin selbst mit persönlichen Anfeindungen, ja sogar Morddrohungen konfrontiert. Eirliani Abdul Rahman schildert das Wissenschaftsland USA als einen Staat, in dem politisch motivierte Budgetkürzungen heute verheerende Auswirkungen auf ganze Wissenschaftszweige haben. Unter WissenschaftlerInnen, die abseits der „erwünschten“ Themengebiete der Regierung forschen, mache sich zunehmend ein Klima der Angst und Repression breit.

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Sozialwissenschaftlerin Eirliani Abdul Rahman verließ die Harvard University aufgrund der politischen Entwicklungen in den USA und forscht heute an der Universität Mannheim.
 

Dreifache Gefährdung für die Wissenschaft
Eirliani Abdul Rahman war eine der Rednerinnen des wissenschaftspolitischen Forums „Wissen schafft Resilienz“, einer Veranstaltung anlässlich des 60. Jubiläums der Universität Konstanz. Die öffentliche Podiumsdiskussion nahm den weltweiten Anstieg von Angriffen auf die Wissenschaft in den Blick und stellte die Frage, wie die Autonomie der Hochschulen und die Freiheit von Forschung und Lehre geschützt werden können. Rektorin Katharina Holzinger warnte vor einer dreifachen Gefährdung für die Wissenschaft: erstens durch den Rechtsruck in der Politik, wenn rechtspopulistische Parteien die Autonomie der Hochschulen untergraben und ganze Forschungszweige finanziell „austrocknen“ möchten. Zweitens durch die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, wenn wissenschaftliche Aussagen politisiert und Fakten geleugnet werden. Drittens durch die Wissenschaft selbst, wenn Forschende in Angesicht der politischen Entwicklungen die „Schere im Kopf“ haben und Selbst-Zensur betreiben.

„Der Preis ist hoch“, schilderte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski die Folgen, die sich in den USA abzeichnen: „Die USA verlieren über Jahrzehnte erarbeitetes Wissen, den Transfer in die weltweite Community, also Reputation und Netzwerke, sie verlieren den wissenschaftlichen Nachwuchs und die Anerkennung durch die Gesellschaft.“ Mit Blick auf das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt drohten auch in Deutschland die Abkehr von international gültigen Studienabschlüssen, Eingriffe in Studienprogramme sowie die Ausgrenzung internationaler WissenschaftlerInnen und Studierender.

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Wissenschaftsministerin Petra Olschowski stellte Solidarität als entscheidenden Faktor für eine resiliente Wissenschaft heraus: „Wissen allein reicht nicht. Wir brauchen Haltung, Veränderungsbereitschaft, Beweglichkeit, Verständnis, Empathie, Solidarität.“

„Die Ereignisse in den USA haben uns ein Stück weit wachgerüttelt“, bilanzierte Walter Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Von den wissenschaftsfeindlichen Entwicklungen seien aber nicht allein die Hochschulen betroffen, die Effekte beträfen die ganze Gesellschaft: „Ein Angriff auf Hochschulen ist immer auch ein Angriff auf die Demokratie.“ Die Folgen seien ein Verlust an Freiheit in der Gesellschaft und an Erkenntnis in der Wissenschaft.

„Wir müssen uns dem Begriff der Wahrheit wieder stärker reflektierend zuwenden“, warf Johannes Grave ein, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wissenschaftliche Ergebnisse beruhen nicht auf politischen oder gesellschaftlichen Vorlieben, betonte Grave, sondern können auch unbequem sein – und müssen dies auch sein dürfen. Wenn unbequeme Wahrheiten nicht mehr ausgesprochen würden, ginge eine wichtige kritische Instanz unserer Gesellschaft verloren.  

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Johannes Grave, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, nahm den Begriff der Wahrheit in den Fokus. Wissenschaft könne und müsse auch unbequeme Wahrheiten aussprechen.
 

Claudia Diehl, Sprecherin des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality”, nahm Cancel Culture in den Blick. Auch an deutschen Hochschulen beobachtete sie Versuche, missliebige Stimmen mundtot zu machen, vor allem natürlich bei kontroversen Themen. „Es wird schwer gemacht, solche Thesen zu äußern.“ Kritik und Widerspruch seien wichtig, gerade auch bei wissenschaftlichen Diskussionen, betonte Diehl. Man darf und soll auch widersprechen. Bei den Störungsversuchen bei wissenschaftlichen Vorträgen beobachtete sie jedoch wenig Interesse der StörerInnen, sich tatsächlich auf eine inhaltliche Diskussion einzulassen, dafür aber umso lautstärkeres Türenknallen. Die Polarisierung der Meinungen setzt sich im Hörsaal fort, es ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. „Polarisierte gesellschaftliche Diskurse haben viel mit der Wahrnehmung von Ungleichheit zu tun – etwa das Gefühl, zurückgesetzt zu sein“, schilderte Diehl, „aber auch mit Fehlwahrnehmungen von Ungleichheit und Fehlwahrnehmungen der Wirkung bestimmter Politik.“

Was benötigt eine resiliente Wissenschaft?
Wann also ist eine Hochschule resilient gegen Angriffe auf ihre Autonomie? „Wenn sie unter äußerem Druck ihre Aufgaben beibehalten kann“, antwortete Walter Rosenthal. In der abschließenden Podiumsdiskussion spürte Moderator Dirk Leuffen, Prorektor für Forschung, Forschungsinfrastrukturen und Transfer der Universität Konstanz, genau dieser Frage nach: Was benötigt eine Hochschule, um resilient zu sein? Wie kann die Freiheit der Wissenschaft gewährleistet werden? Auf dem Podium wurden entscheidende Faktoren debattiert: „Eine Finanzierung der Hochschulen, die unabhängig von der politischen Färbung der Landesregierung ist“, benannte der Wirtschaftswissenschaftler Clemens Gabriel Schade eine elementare Voraussetzung. „Vorbereitet sein, entschlossen handeln und aus Krisen lernen“, ergänzte Walter Rosenthal.

Doch es seien nicht nur strukturelle Faktoren, die für die Resilienz der Wissenschaft entscheidend seien, war sich das Podium einig. Eine wesentliche Zutat sei auf persönlicher Ebene der WissenschaftlerInnen und Studierenden zu finden: Solidarität, Haltung, füreinander einstehen. „Was tun wir dafür, um diejenigen auszubilden, die für die Resilienz der Wissenschaft vielleicht am wichtigsten sind – nämliche resiliente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und resiliente Studierende?“, brachte Claudia Diehl die Ausbildung von Studierenden und Early Career Researchers ins Spiel. Uwe Schimank (Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen) sprach sich für eine Förderung demokratischer Kompetenzen „ab dem ersten Semester“ aus: „Die Wissenschaftsreflexion ist bei weitem zu kurz gekommen für die letzten 20 bis 30 Jahre.“

„Es liegt auch ein bisschen am Selbstverständnis von Wissenschaft: dass es darum geht, die Wahrheit zu finden“, schätzt Clemens Gabriel Schade die Ursachen ein. Man gehe in der Wissenschaft möglichst objektiv an Fragestellungen heran, nicht wertegeleitet. „Das ist sicherlich ein wichtiges Skillset. Trotzdem möchte ich in Anspruch nehmen, dass Universitäten dazu beitragen, ihre Studierenden zu demokratischen StaatsbürgerInnen zu erziehen.“ Die Selbstreflexion darüber, was die eigene Forschung gesellschaftlich bedeutet und welche Werte man im Hinterkopf haben sollte, wenn man seine Forschungsfragen stellt, solle eine größere Rolle einnehmen, forderte Schade.

„Verantwortung gemeinsam übernehmen: Ich glaube, dass das das Gebot der Stunde ist“, zog Ministerin Petra Olschowski ihr Fazit. Solidarität sei ein ganz entscheidender Faktor für eine resiliente Wissenschaft. „Wissen allein reicht nicht. Wir brauchen Haltung, Veränderungsbereitschaft, Beweglichkeit, Verständnis, Empathie, Solidarität – und ich glaube, wir brauchen auch eine gute Portion Optimismus. Lassen Sie uns alles dafür tun, damit dies gelingt und dass unsere Universitäten weiterhin Orte sind, an denen frei gedacht, gelernt, gelehrt, geforscht und – das wünsche ich mir am meisten – diskutiert werden kann“, schloss die Wissenschaftsministerin ihre Rede.
 

Jürgen Graf

Von Jürgen Graf - 06.11.2026