Der europäische Osten aus globaler Perspektive

Pavel Kolář, seit dem Wintersemester 2018/2019 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, betont: Osteuropäische Geschichte ist immer auch europäische und globale Geschichte.

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„Osteuropäische Geschichte studieren heißt: Die Vielfalt des europäischen Ostens kennenzulernen und Europa zusammendenken“, steht in der Erläuterung des Studienschwerpunkts der Geschichtswissenschaft. Verantwortlicher für den Fokus auf diese Region ist Prof. Dr. Pavel Kolář. Seit dem Wintersemester 2018/2019 ist er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz und trägt die Auffassung, Europa zusammenzudenken, weiter: „Mir persönlich ist wichtig zu zeigen, dass osteuropäische Geschichte immer ein Teil der europäischen und globalen Geschichte ist.“ Das entspräche auch dem allgemeinen Ansatz der Konstanzer Geschichtswissenschaft. „Wir haben diese regionale Expertise, aber sie ist kein Wert an sich. Sie wird erst durch die Verbindungen und Verflechtungen in der sich globalisierenden Region Europa aufgewertet“, so Pavel Kolář.

Zur Zeit des Kalten Krieges waren die großen Themen der Osteuropaforschung noch die Konstruktion und die Wahrnehmung des „Feindes“. Bei der Gründung der Professur in Konstanz in den frühen 1990er Jahren war die Situation dann von der Vereinigung Europas, vom Mauerfall und vom Zusammenbruch des Kommunismus geprägt, was die Grenze zwischen Ost und West verwischte. Doch auch der Eiserne Vorhang habe bereits „Löcher“ gehabt, so Kolář. Trotzdem betont der Geschichtswissenschaftler: „Es geht nach wie vor darum, dass diese Region Europas spezifisch ist – historisch, kulturell und sprachlich.“
Europäische und globale Vergleiche sowie die Analyse internationaler Verknüpfungen über die Grenzen der Region hinaus sind für seine Arbeit ausschlaggebend.

Die Interdisziplinarität und den weltoffenen Geist an der Universität Konstanz schätzt Pavel Kolář daher besonders: „Globalgeschichte und transnationale Geschichte sind an der Universität Konstanz sehr stark; so etwas wie Ethnozentrismus gibt es hier nicht.“ Ihm persönlich ist wichtig, sowohl seine Forschung als auch seine Lehrveranstaltungen nicht in erster Linie geografisch, sondern vorrangig nach Problemstellungen zu definieren. Aktuell vergleicht er, wie europäische Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit staatlicher Gewalt umgingen. „Das klingt erst einmal paradox, weil es sich um eine friedliche Zeit handelt“, merkt Kolář an. Doch nach den Jahrzehnten, die von Krieg, Bürgerkrieg und Revolutionen geprägt waren, verschwand die Gewalt nicht gänzlich aus der Gesellschaft, sondern nahm „zivilisiertere“, weniger sichtbare Formen an. Ein Zeichen dafür, dass Gewalt nach wie vor ein zentrales Problem darstellt, ist für Kolář die Bedeutung der Polizei, die von verschiedenen Herrschaftsordnungen der Moderne – Diktaturen wie Demokratien – zunehmend eingesetzt wird: Sie demonstriere das Bedürfnis, Gewalt zu kontrollieren.

In seinem gegenwärtigen Forschungsprojekt legt Kolář den Fokus auf die Geschichte der Todesstrafe, dem Vergleich ihrer Legitimierung, der Art des Vollzugs und der Reaktionen in der Gesellschaft in unterschiedlichen Ländern. In den osteuropäischen staatssozialistischen Diktaturen liegt das Augenmerk dabei auf den Entwicklungen seit den 1950er Jahren, als die Todesstrafe als politisches Instrument abgeschafft wurde, als strafrechtliches Instrument aber weiter erhalten blieb. Es werde aber auch oft vergessen, dass die Todesstrafe in mehreren westlichen Ländern noch lange in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert hinein existierte, zum Beispiel in Frankreich und in Großbritannien. Bis heute wird in den USA über die legale Tötung und ihre Vollstreckung per Schuss, Gaskammer, elektrischen Stuhl oder Spritze mit großer politischer Brisanz diskutiert. Vor diesem Hintergrund untersucht Prof. Dr. Pavel Kolář insbesondere die Entwicklungen zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Ende des Kommunismus, um Erkenntnisse über Herrschaftsordnungen und gesellschaftliche Strukturen zu gewinnen.
 
Pavel Kolář hat international gearbeitet, zuletzt am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Er gibt zu: „Die Universitätsstrukturen in Deutschland sind sehr spezifisch, da musste ich mich erst einmal einfinden.“ Die von ihm als hervorragend bezeichneten Erfahrungen mit Kolleginnen und Kollegen sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Verwaltung, wie zum Beispiel die Unterstützung durch das Welcome Centre, ließen ihn jedoch schnell an der Universität Konstanz ankommen.

Pavel Kolář ist seit Oktober 2018 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz. Zuvor hatte er acht Jahre lang die Professur für Vergleichende und Transnationale Europäische Geschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz inne, zwischen 2003 und 2010 war er am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig. Er wurde in Prag promoviert, und verschiedene Projekte führten ihn an internationale Universitäten weltweit.

Janne Tüffers

Von Janne Tüffers - 30.08.2019