Ein Frosch namens Ella

Der Konstanzer Evolutionsbiologe Dr. Mark D. Scherz entdeckt eine neue Froschart

© Bild: www.markscherz.com

Seine große Liebe heißt Ella. Neuerdings gibt es eine weitere, allerdings deutlich kleinere mit vier Beinen und einem nicht ganz so einfach auszusprechenden Namen: Rhombophryne ellae. Als der Konstanzer Evolutionsbiologe Dr. Mark D. Scherz die 24,9 Millimeter große „Fröschin“ mit den orangefarbenen Beinen und den schwarzen Flecken auf der Hüfte das erste Mal auf Madagaskar sieht, ist er begeistert, hat doch sein Team mit ihr eine neue Froschart entdeckt. Dass er die kleine Liebe nach seiner großen Liebe Ella benennt und seiner Verlobten mit diesem Geschenk zu ihrem Doktortitel gratuliert, ist für den Wissenschaftler nur folgerichtig. „Ich habe ihr zu Hause die Druckfahne meines ersten Einzelautor-Papers in die Hand gedrückt und sie gebeten drüberzulesen. Als Ella ihren Namen gelesen hat, hatte sie ein großes Lächeln auf ihren Lippen und eine Träne der Rührung in den Augen. Natürlich ist sie stolz, dass ein Frosch nach ihr benannt ist“, sagt der Forscher.

Doch halt. Hauptberuflich beschäftigt sich der Wissenschaftler an der Universität Konstanz derzeit mit den Artbildungsprozessen von Buntbarschen. Warum kommt er dann auf den Frosch? Die Antwort ist einfach: Seine Doktorarbeit hat der Forscher im vergangenen Jahr abgeschlossen. Das Thema: Systematik und Evolution bei madagassischen Reptilien und Amphibien. Frösche standen im Mittelpunkt. Das tun sie jetzt noch – allerdings in der Freizeit von Dr. Scherz.

Sehnsuchtsort Madagaskar

Rückblende. Bereits im Alter von sieben Jahren verliebt sich Mark in Madagaskar, das Land, das für ihn später sowohl privat als auch beruflich zum Traumland werden wird. Seinerzeit lebt er mit seinen Eltern in Nord-Amerika, schaut dort mit Begeisterung im Fernsehen Tierdokumentationen an, auch über die Lemuren auf Madagaskar. Im Alter von acht Jahren kommt die Faszination von Reptilien und Amphibien hinzu. Beide Tierarten gibt es auf Madagaskar in Hülle und Fülle. Mehr und mehr wird der Inselstaat zum Sehnsuchtsort für den Jungen. Mehr und mehr Bücher über Madagaskar stapeln sich in seinem Zimmer. Mehr und mehr bearbeitet er seine Eltern, mit ihm dorthin zu reisen.
Noch muss Mark warten.

Zwölf Jahre alt, nun in der Schweiz, bekommt er einen knallgrünen Riesentaggecko. Endlich ist ein Teil von Madagaskar bei ihm zu Hause. Trotzdem ist es nur ein Trostpflaster, denn der Wunsch, diese Naturoase mit eigenen Augen sehen zu dürfen, wird immer stärker. Mit 14 wird der Traum endlich wahr: Mit seinem Vater reist er nach Madagaskar, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Heranwachsende beschließt: Madagaskar wird ein wichtiger Teil seines Lebens bleiben.

Mit Traumurlauben dort? Von wegen. Oder besser: Es sind „Urlaube“ der ganz anderen Art. Den Forscher treibt eine enorme Passion an, wenn er auf Madagaskar arbeitet: Stundenlang robbt, kriecht oder stapft der 1,86 Meter große Wissenschaftler durch die Wälder, sein Aussehen ist abends nach seinen Expeditionen der Tarnfarbe des jetzt von seinem Team entdeckten Frosches nicht ganz unähnlich. Seine Stiefel sind oft bleischwer, mit Schlamm gefüllt. Seine Hosen und Hemden sind extremem Verschleiß ausgesetzt. Von blutenden Kratzern, die sich Dr. Scherz beispielsweise im „Stachelwald“ auf Madagaskar holt, ganz zu schweigen. Dort gibt es Pflanzen, die bis zu 15 Zentimeter lange Stacheln haben. Es hat eben seinen Preis, Frösche und andere interessante Kreaturen zu entdecken. Dazu benutzt Mark Scherz im Übrigen auch seine Ohren und sogar seine Stimme: Indem er Froschlaute von sich gibt, bringt der Forscher die Frösche dazu, ihre Verstecke preiszugeben, da sie häufig zurückrufen.

© Bild: www.markscherz.com
Dr. Mark D. Scherz, Bild: www.markscherz.com

Ein Zyklon, ein Froschweibchen und eine Entdeckung

Es ist einer dieser entbehrungsreichen Arbeitstage in dem Inselstaat, der Mark Scherz lebenslang in Erinnerung bleiben wird. Die Atmosphäre ist drückend: Ein Zyklon ist im Anmarsch, die Zeit drängt. Mit seiner Partnerin Ella bearbeitet der Reptilien- und Amphibien-Forscher, der „Herpetologe“, im Camp die in den vergangenen Tagen gesammelten Daten. Sein madagassischer Kollege Jary Razafindraibe entdeckt an diesem Tag im Wald ein davonhüpfendes Froschweibchen. Ein Glücksfall, denn normalerweise werden Männchen gefunden, die anhand ihrer Rufe gezielt gesucht werden können – Weibchen verhalten sich eher still. Später am Nachmittag kehrt Jary Razafindraibe mit seinen Funden zurück ins Camp. Schnell kristallisiert sich heraus, dass besonders die Entdeckung des Froschweibchens für Mark Scherz eine enorme Bedeutung hat: Sein Team ist das erste, das Rhombophryne ellae, wie die Froschart später von ihm genannt wird, entdeckt hat. Die nächsten Tage verbringen die Wissenschaftler wegen des mittlerweile wütenden Zyklons hauptsächlich in Deckung im Camp, kommen selten aus ihren Zelten, es sei denn, sie müssen Kanäle durch das Lager graben, da sich unter einigen der Zelte Flüsse gebildet haben. Starke Böen lassen Äste und ganze Bäume herabstürzen. Als der Sturm eine kurze Pause macht, bauen die Wissenschaftler das Camp ab und reisen zurück.

Diamanten und Frösche

75 Tierarten aus Madagaskar hat Mark Scherz bereits beschrieben, darunter zehn Diamantfroscharten. Mit Rhombophryne ellae kommt die elfte hinzu, viele weitere warten. Bereits 1880 hatte ein Forscherkollege des Konstanzer Wissenschaftlers den Gattungsnamen Rhombophryne festgelegt. Aus dem deutschen Namen, den er für diese Art kreiert hat, spricht seine Wertschätzung und Liebe für die seltenen Tiere: Er nennt sie „Diamantfrösche“.

Sobald sich die Gelegenheit ergibt, wird Mark Scherz wieder nach Madagaskar reisen – es ist nicht nur das Männchen von Rhombophryne ellae, das er zu entdecken hofft.

Hildegard Nagler

Von Hildegard Nagler - 22.07.2020