Vertrauensverlust und Wissens­ermäch­tigung

Die aktuellen Anti-Corona-Proteste sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Vertrauensverlustes: Der Konstanzer Historiker Prof. Dr. Sven Reichardt im Interview
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Sind die aktuellen Proteste gegen die Corona-Politik ein Warnsignal für die Demokratie? Prof. Dr. Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz, schildert im Interview, wie in der Protestbewegung eine Politisierung von Wissen stattfindet – und er mahnt, keine vorschnellen Urteile über die Protestierenden zu treffen.
 

Prof. Reichardt, Sie erforschen soziale Bewegungen und ihre soziokulturellen Milieus. In den aktuellen Protesten gegen die Corona-Politik kommen sehr unterschiedliche Personengruppen zusammen. Was eint sie?

Prof. Dr. Sven Reichardt: Die Anti-Corona-Bewegung ist als eine Misstrauensgemeinschaft zu verstehen: Sie ist eine Bewegung, die nicht geeint wird durch eine Ideologie oder eine gemeinsame politische Stoßrichtung: Da sind Personen mit dabei, die sich gegen Wirtschaftsauflagen stemmen, da sind Jugendliche, die sich das Feiern nicht verbieten lassen möchten, da sind Impfgegner und Reichsbürger und unterschiedlichste Verschwörungstheoretiker. Sie eint nicht ihr Ziel oder wie sie die Gesellschaft interpretieren, sondern sie eint ihr Misstrauen gegen etablierte Eliten – gegen Politik, gegen kulturelle und wissenschaftliche Eliten, gegen die etablierten Medien.

Das ist nicht so ungewöhnlich. Das galt in ähnlicher Weise auch für die Friedensbewegung der 1980er-Jahre: Da haben westdeutsche Kommunisten und Kirchenvertreter, Linksliberale und CDU-Anhänger Seite an Seite agitiert, obwohl sie gegensätzliche politische Auffassungen und ein unterschiedliches Verständnis davon hatten, was eigentlich Frieden ist.


Wie unterscheidet sich dann die Anti-Corona-Bewegung von den Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts?

Charakteristisch für die Anti-Corona-Bewegung ist, dass sie sich in besonderer Art und Weise aus nicht-etablierten Medienkanälen informiert und dort eine „alternative Wissensgemeinschaft“ aufbaut, die sich sehr weit von der Mehrheitsgesellschaft entkoppelt hat.
 

„Das ist gegenüber den Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts etwas Neues: Der Aufstieg der sozialen Medien und dadurch auch die Möglichkeit, alternative Wissensgemeinschaften zu gründen.“

- Prof. Dr. Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz

Das wird begünstigt durch die heutige Wissenspluralität und die Möglichkeit, sich auf sehr unterschiedlichen Kanälen über das Weltgeschehen zu informieren. Mit den sozialen Medien gibt es eine Form der Wissensgenerierung, die die Entstehung von „sozialen Blasen“, die sich selbst bestätigen, fördert. Dieses Sich-Abkoppeln von einem Wissenskonsens, der von den etablierten Medien vorangetragen wird, ist ein Effekt der Wissenspluralisierung und ein Zeichen des Vertrauensverlusts in etablierte Medien.


Welche gesellschaftlichen Effekte zeichnen sich in den gegenwärtigen Protesten ab?

Was wir generell beobachten können ist, dass es gegenwärtig wieder eine Politisierung von Wissen und Wissenschaft gibt. Das gilt im Fall der Anti-Corona-Proteste in besonderer Weise für die Kritik an der gegenwärtigen Wissenschaft – aber das gilt in umgekehrter Stoßrichtung auch für die Klima-Proteste oder die #MeToo-Bewegung, auch dort spielt die Politisierung von Wissen eine große Rolle.
 
Die Situation erinnert mich an die 1980er-Jahre, als es mit der Anti-Atom-Bewegung, dem Waldsterben und dem Ozonloch eine breite Bewegung an Gegenwissen gab, die sich auf bis dato in der Wissenschaft wenig etablierte Wissensformen oder Erkenntnistheorien – wie etwa die Kybernetik – bezogen hat. 

„Diese Politisierung von Wissen ist ein Zeichen für den Vertrauensverlust in die Eliten.“

- Prof. Dr. Sven Reichardt

In den Anti-Corona-Protesten zeigt sich, dass Menschen nicht mehr mit den Informationen, die sie bislang aus der Politik oder der Wissenschaft bekommen haben, übereinstimmen und neue Formen der Erkenntnisse suchen.


Wie entsteht dieses politisierte „Gegenwissen“? Welche Informationszirkel tragen dazu bei?

Das wäre noch zu untersuchen. Wir wissen sehr wenig darüber, wie die Protestierenden sich informieren, welche Art von „knowledge empowerment“ – oder Wissensermächtigung – dazu beiträgt, dass sie auf die Straße gehen. Wie wird ihr Wissen produziert und verbreitet, wie werden Menschen durch dieses Wissen politisch mobilisiert? Auf welche Art von Erfahrungen oder Alltagswissen greifen die Protestierenden zurück, welche Quellen und Kanäle nutzen sie?
 
Zu diesen Fragen haben wir an der Universität Konstanz eine Forschungsgruppe eingerichtet, die auch jetzt am 3. und 4. Oktober 2020 die Corona-Demonstrationen in Konstanz untersuchen wird. Darin werden sich Medienwissenschaftlerinnen und Medienwissenschaftler die Social-Media-Plattformen anschauen und analysieren, wie dort miteinander kommuniziert wird. Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler werden Tweets analysieren, die Hashtags, die Telegram-Gruppen, aber auch ethnografische Untersuchungen durchführen – etwa mit einer filmischen Dokumentation der Proteste. Neben Umfragen vor Ort werden wir historische Tiefeninterviews durchführen, die danach fragen, welche Protesterfahrungen die Demonstranten haben, welche Einstellungen sie zur Obrigkeit und zu gesellschaftlichen Eliten haben, welches Mediennutzungsverhalten sie zeigen.


Sie charakterisieren die Anti-Corona-Proteste als eine Bewegung, die von ihrem gemeinsamen Misstrauen angetrieben wird. Wird sich dieses Misstrauen über die Corona-Krise hinaus fortsetzen?

Das hängt sehr davon ab, wie die Politik darauf reagiert und wie die Mehrheitsgesellschaft mit den Protesten umgeht. Ob sie die Protestierenden ausgrenzt, ob sie sie lächerlich macht – oder ob sie versucht, sie genauer zu verstehen und einzuordnen. Dementsprechend wird das Vertrauen in die Politik wachsen oder schwinden. Mancherlei Berichterstattung über die Anti-Corona-Demonstrationen kommt mir sehr schlicht vor. Da werden Menschen vorgeführt und es wird versucht, sie lächerlich zu machen oder sie ausschließlich als bedrohliche, antidemokratische Extremisten darzustellen.

„Wir sollten vorschnelle Urteile zurückhalten und, bevor wir urteilen oder verurteilen, erstmal verstehen.“

- Prof. Dr. Sven Reichardt

Es gibt ja durchaus auch sachliche Gründe, die anfangs doch sehr harten Entscheidungen der Politik in Zweifel zu ziehen. Die Gesellschaft sollte Diskussion ermöglichen und Offenheit zeigen – und einer Radikalisierung und Polarisierung des Politischen dadurch möglichst wenig Raum geben.


Vor fast genau 100 Jahren, zur Zeit der Spanischen Grippe 1918, ereigneten sich sehr ähnliche Proteste gegen das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung.

Die breit eingeführte Maske gab es zur Zeit der Spanischen Grippe eigentlich nur in San Francisco, wo die Pandemie besonders stark war. Die Menschen haben die Maske zunächst bereitwillig getragen und stark akzeptiert. Das hat die Infektionsraten tatsächlich sehr deutlich reduziert. Als das Maskengebot daraufhin gefallen ist, haben sich die Geschäfteinhaber und Gastronomen später, als die Infektionsraten wieder stiegen, nicht neuerlich überreden lassen, das Maskengebot neu einzuführen. Eine zivilgesellschaftliche Protestbewegung war entstanden, die „Anti Mask League“ – das waren sozusagen die Anti-Corona-Proteste der Jahre 1918/1919. Es wurde damals sogar von einer „Diktatur der Wissenschaft“ gesprochen.
 
Diese Entwicklung hängt damit zusammen, dass die Politik hier nicht konsistent war, auch weil sie nicht genug über die Spanische Grippe wusste. Sie hatte gedacht, die Epidemie sei vorbei – und hatte dann das Maskengebot nicht wieder einführen können. Was wir daraus lernen können: Es entstand massives Misstrauen, weil die Politik ohne hinreichende Begründung hin- und hergeschwankt ist. Hier konsistent zu bleiben, ist ganz wichtig, um Vertrauen in die Politik zu schaffen. Das ist damals nicht geschehen und hat zur Destabilisierung beigetragen.


Und heute?

Auch heute zeigen sich durchaus Parallelen zur damaligen Situation. Zum Beispiel gab es in Deutschland zu Beginn der Corona-Pandemie sehr widersprüchliche Haltungen der Politik zur Maske. Als Masken anfangs knapp waren, wurde – um Unruhen zu vermeiden – die Bedeutung der Maske von Politikern heruntergespielt, obwohl sie eigentlich schon wussten, dass die Maske neben den anderen Hygienemaßnahmen eine wichtige Maßnahme ist. Das erscheint im Nachhinein als eine taktisch verständliche, aber unehrliche Reaktion der Politik. Solche Widersprüche werden aufgegriffen und verschärfen das Misstrauen in die Politik.
 
Das Problem ist, dass es bei neuen Pandemien nicht so leicht ist, gleich zu wissen, welche Reaktion die richtige ist. Die Wissenschaft muss hier ein „trial and error“ durchlaufen. Das zu akzeptieren fällt nicht leicht. Viele Menschen erwarten von der Wissenschaft klare Antworten und teilweise hat die Wissenschaft diese Antworten nicht – oder noch nicht. Das muss dann – ähnlich wie Christian Drosten* es in seinem Podcast tut – gut kommuniziert werden. 

„Wichtig ist, klar und offen zu kommunizieren, um Vertrauen zu stiften.“

- Prof. Dr. Sven Reichardt


Herr Reichardt, Sie bezeichnen soziale Bewegungen als einen Indikator für den Zustand der Demokratie. Sind die gegenwärtigen Anti-Corona-Proteste ein Warnsignal?

Die Anti-Corona-Proteste sind in dem Ausmaß und der Form, wie sie derzeit vorliegen, grundsätzlich noch kein Warnsignal für die Demokratie. Im Gegenteil: Wenn wir uns die Meinungsumfragen anschauen, stellen wir ja fest, dass 90 Prozent der Bevölkerung gegen die Anti-Corona-Proteste sind. Das heißt diese Proteste sind kein Ausdruck eines breiteren Misstrauens in die Demokratie, sondern die Demokratie ist relativ gefestigt. Sie sind eher ein Zeichen einer allgemein zu beobachtenden Radikalisierung, eines Auseinanderdriftens verschiedener Teile der Gesellschaft.
Im Moment ist jedenfalls das allgemeine Vertrauen in die Politik sehr hoch. Grund zur Panik gibt es wegen der Anti-Corona-Demonstrationen (noch) nicht.


* Prof. Dr. Christian Drosten ist Leiter des Instituts für Virologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Im wöchentlichen Podcast „Coronavirus-Update“ (NDR Info) informiert er über aktuelle Erkenntnisse der Forschung zum Coronavirus.

Zur Person:
Prof. Dr. Sven Reichardt ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen soziale Bewegungen und soziokulturelle Milieus im 20. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart.
 

Jürgen Graf

Von Jürgen Graf - 28.09.2020