Doch Faschismus?
„Yes, It’s Fascism“ – das ist nicht nur der Titel eines viel beachteten Artikels des US-amerikanischen Intellektuellen Jonathan Rauch (in The Atlantic). Es ist auch eine mögliche Antwort auf die im Raum stehende Frage: Sind die politischen Entwicklungen, die wir derzeit in den USA beobachten, Faschismus gleichzusetzen? Sven Reichardt, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz, hatte lange gezögert, dafür den Begriff Faschismus zu verwenden. Was seit dem zweiten Amtsantritt Donald Trumps in den USA vor sich ging, schien nicht mit den Ausmaßen des Faschismus des 20. Jahrhunderts wie unter Mussolini oder Hitler vergleichbar. Oder ist es doch Faschismus?
Anders gefragt: Was machte den historischen Faschismus aus? „Der historische Faschismus hat aus der Demokratie heraus eine Art von populärer Diktatur geschaffen. Die faschistische Bewegung griff also die demokratische Massengesellschaft auf und wandelte sie in einen repressiven Mobilisierungsstaat um, geprägt von rassistischen und ultranationalistischen Ideologie-Elementen“, erklärt Reichardt. „Und wenigstens in der Ideologie gibt es einige Parallelen zur MAGA-Bewegung in den USA heute.“
Ein Prozess mit mehreren Schritten
Parallelen lassen sich auch in dem Prozess finden, wie sich eine faschistische Bewegung in demokratischen Krisen etabliert. Dieser Aufstieg vollzieht sich laut Reichardt in ähnlichen Schritten: der Ideologisierung der Bewegung, den vielseitigen Angriffen auf den liberalen Rechtsstaat, auf die deliberative Öffentlichkeit und die Wissenschaft sowie der Schaffung eines permanenten Ausnahmezustands.
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„Die ideologische Nähe zum Faschismus zeigt sich, wenn Trump sagt, die Migranten vergiften das Blut unserer Nation. Es gehören aber auch andere ideologische Elemente dazu, wie die Verherrlichung des Rechts des Stärkeren, die Obsession mit Untergangsfantasien oder der Führerkult rund um Trump seitens der evangelikalen Bewegung. Rhetorisch wird aufgerüstet und Gewalt glorifiziert.“
Sven Reichardt
Die Demokratie wird durch Attacken auf die Medien und auf die Gerichte angegriffen, mit dem Ziel, den Rechtsstaat zu zerstören oder zumindest zu unterminieren. „In einem weiteren Schritt kommt der Aufbau eines Ausnahmezustands dazu, der Züge eines Polizeistaats trägt: Die Einwanderungsbehörde ICE, Immigration and Customs Enforcement, wurde zu einer Organisation mit Spezialkräften umgebaut. Und Trump regiert seit Beginn seiner zweiten Amtszeit großteils per executive orders, also Dekreten. Diese Elemente erinnern durchaus an den Doppelstaat des historischen Faschismus“, erklärt der Historiker.
Gesellschaftliche Entwicklungen damals und heute
Ganz so einfach ist die Festlegung auf einen Begriff jedoch nicht. Denn im Vergleich mit dem Deutschland der 1920er-Jahren treten auch einige Unterschiede zutage. „Zunächst einmal ist die USA keine verelendete Gesellschaft, wie die Weimarer Republik es damals war. Denken wir einmal an die hohe Zahl der Arbeitslosen, das geringe Wohlstandsniveau und die starke soziale Fragmentierung“, sagt Reichardt. „Zwar auf einem ganz anderen Niveau, aber es geht auch in der amerikanischen Gesellschaft heute um Abstiegsängste, die aus den Mittelschichten getragen werden, also aus denjenigen Schichten, die vor der Modernisierung oder der Globalisierung der Wirtschaft besondere Ängste haben. Das ist aktuell etwa die amerikanische Stahlindustrie, während in der Weimarer Republik das Handwerk durch die Massenproduktion unter Druck geraten war.“
Würde ein anderer Begriff für die Vorgänge in den USA besser passen?
Populismus: „Der Begriff kennt keine Radikalisierung – entweder ist man populistisch oder nicht. Und Populismus ist keiner Ideologie zugehörig. Er bezeichnet politische Bewegungen, die sich gegen Eliten und auf das einfache Volk berufen. Das scheint mir sehr mager zu sein für ein Verständnis der gegenwärtigen Entwicklungen in den USA.“ (Reichardt)Autoritarismus: „Von Xi Jinping bis zu Putin, autoritäre Herrscher versuchen, die Bevölkerung zum Schweigen zu bringen. Das Gegenteil ist bei Trump der Fall, der die Bevölkerung mobilisieren, auch ideologisch mobilisieren und radikalisieren will. Weder die Ideologisierung noch die interne Polykratie sind im Autoritarismusbegriff abgebildet. Innerhalb der Trump-Bewegung gibt es viele unterschiedliche Machtzentren und interne Kämpfe. Dagegen wird im Autoritarismus so getan, als gäbe es nur eine Herrschaft, die sich von oben nach unten durchsetzt – der Führer befiehlt und alle anderen folgen willig.“ (Reichardt)
Damals wie heute gab es eine neue Medienlandschaft, die eine fragmentierte Öffentlichkeit widerspiegelt/e. Die Weimarer Republik war geprägt von Milieupresse, also einer sozialdemokratischen und einer konservativen Presse, daneben einer kommunistischen und einer nationalsozialistischen Presse, die jeweils für sich eigene Wahrheiten reklamierten. Die Emotionalisierung und Dramatisierung des Politischen finden heute wiederum in den sozialen Medien statt, was zur gesellschaftlichen Spaltung beiträgt. Daher spricht Reichardt von vergleichbaren Prozessen auf unterschiedlichem Niveau, auch bezüglich des Nationalismus: hier der amerikanische exceptionalism mit der Idee, eine auserwählte Nation zu sein, dort das Deutsche Kaiserreich mit dem Motto, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle.
Elemente des Alten im neuen Guss
Um noch bestehende Unterschiede zum historischen Faschismus zu markieren, wendet Sven Reichardt lieber den Begriff des Postfaschismus (analog zum Postkolonialismus) an, da Elemente des Alten, in diesem Fall der faschistischen Zeit, mit aufgenommen werden in die Jetztzeit. Es gebe jedoch, um beim Beispiel NS-Deutschland zu bleiben, keinen völkischen Vernichtungskrieg. Es gebe keine dem Holocaust vergleichbare Genozidabsicht. Und auch wenn ICE neue Gefängnisse aufbaue, gebe es noch keine Konzentrationslager, in denen systematisch gefoltert und getötet werde.
„Ich sehe Trump auch nicht als völkischen Kriegstreiber, der systematisch ein Großreich aufbauen will. Trotz seiner Bemerkungen über Grönland oder Kanada, trotz seiner Kriege in Venezuela und Iran. Letztlich ist er ein Unternehmer, der Deals machen will. Wirtschaftlich ist das libertäre Element in den USA sehr stark. Die Tech-Industry will keine Einmischung des Staates. Die Nationalsozialisten dagegen wollten alles durch den Staat regeln und keine rein liberale Wirtschaftspolitik betreiben.“
Sven Reichardt
Ein weiterer Vorteil des Begriffs Postfaschismus ist, dass offen bleibt, wie es weitergeht: Richtung Faschismus oder zurück in die Demokratie? Was wäre beispielsweise die MAGA (Make America Great Again)-Bewegung ohne Trump? „Das ist eine sehr auf den Führer konzentrierte charismatische Bewegung, die Fantasien eines Untergangs schürt, den nur ein Führer abwenden kann. Viele Amerikaner – noch mehr seit jenem Anschlag auf Trump – glauben daran, dass er der erlösende Führer ist. Es könnte eine entscheidende Wende bringen, wenn es diese zentrale Figur Trump irgendwann einmal nicht mehr gibt.“
Derzeit befindet sich Trump in einem Umfrage-Tief, aufgrund der ICE-Einsätze und auch der hohen Inflation. Viele seiner großen Versprechungen hat er nicht eingelöst. 1934 gab es, darauf weist Historiker Reichardt hin, auch eine Krise des Hitler-Regimes. Dessen Unterstützung durch die Bevölkerung ging anfangs zurück und konnte sich erst wieder mit dem einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung stabilisieren. Und der basierte auf staatlicher Intervention, was heute unter Trump abgelehnt wird. „Das wohl größte Problem der Trump-Regierung ist, dass sie die ökonomischen Schwierigkeiten nicht in den Griff bekommt und dass ihre chaotische Zoll-Politik von den Gerichten gekippt wird. Auch ein gutes Zeichen, dass die staatliche Gewaltenteilung, die checks and balances, offenbar noch funktionieren“, sagt Reichardt. „Und wie wir an den Protesten sehen, scheint die amerikanische Zivilgesellschaft stärker an der Demokratie zu hängen, als das damals in der Weimarer Republik der Fall war, als kaum einer die Demokratie verteidigen wollte.“
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Demokratie verteidigen
Welche Konsequenzen können wir aus diesem Vergleich der Systeme – faschistisch hier und postfaschistisch dort – ziehen? Der Blick auf Amerika zeigt, wie schnell die Demokratie in Gefahr geraten kann. Es heiße jetzt nicht nur, mit geschärften Sinnen die rechtsradikalen Bewegungen im eigenen Land zu beobachten. Sondern es gelte auch, hierzulande etwas gegen eine Radikalisierung wie in den USA zu tun, fordert Reichardt angesichts der ideologischen Verwandtschaft zwischen der MAGA-Bewegung und europäischen rechtspopulistischen Parteien. Diese seien eng mit MAGA vernetzt und orientieren sich an dieser.
Aufmerksamkeit für die Gefahren von Radikalisierung oder einer postfaschistischen Wende schaffen Tagungen wie „Das Gespenst des Faschismus“ Ende März 2026 an der Universität Konstanz, die Sven Reichardt organisiert. Aufklärung hält der Historiker für wichtig – auch um darüber aufzuklären, welche Pläne rechtspopulistische Parteien haben, sollten sie an die Macht kommen: „Wir sollten diese Pläne ernst nehmen und nicht immer nur als politischen Unsinn abtun. Denn es gibt einige Hinweise darauf, dass es unter der AfD zu einer deutlichen Verschärfung nicht nur in der Migrationspolitik, sondern auch zu massiven Eingriffen in die Rechtsstaatlichkeit kommen würde. Dass also die Gefahr eines Umbaus des Wissenschaftssystems, des Mediensystems und des Gerichtswesens droht.“ In diesem Sinne mahnt Reichardt auch, die „Propagandamaschinen der Rechtsradikalen“, also vor allem die sozialen Medien zu regulieren: Hassrede und die Emotionalisierung im Netz, inklusive Fake News, bedrohen unsere auf Ausgleich und Verhandlung angewiesene Demokratie.
Sven Reichardt ist seit 2011 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz und seit 2025 Direktor des dortigen Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung (ZKF). Zum Thema erschien jüngst: Reichardt, Sven: Fascism's Stages: Imperial Violence, Entanglement, and Processualization, in: Journal of the History of Ideas 82, Heft 1, 2021, S. 85-107; Reichardt, Sven: What Is Post-Fascism?, in: Journal of the History Ideas Blog, 4. Juni 2025: URL: https://www.jhiblog.org/2025/06/04/what-is-post-fascism/
Headerbild: 2021 storming of the United States Capitol, Copyright: wikimedia commens, Author: Tyler Merbler, Source: https://www.flickr.com/photos/37527185@N05/50812356151/, Link: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=155835783. Lizenz Creative Commons Attribution 2.0 Generic, no changes
Zitatbild: Sven Reichardt. Copyright: Sven Reichardt.
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