Mit Fleiß, Unterstützung und einem guten Händchen

Erst ging es nur darum, ein Seminar durch eine Hausarbeit abzuschließen. Doch die Ergebnisse schienen zu interessant, um es dabei zu belassen. Der Masterstudent Pascal Mounchid bot das Paper einer renommierten Fachzeitschrift an. Und brauchte dann erst mal einen langen Atem.
© Pascal Mounchid

Mitgift erscheint uns als altmodisches Wort. War das nicht etwas, was hierzulande vor mehreren Jahrzehnten – gefühlt einem Jahrhundert – die Eheschließung begleitete? Eine Art Grundausstattung, die die Familie der Braut der Familie des Bräutigams beziehungsweise den Brautleuten selbst übermittelte. Was bei uns im Laufe des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verlor, ist in Schwellenländern wie Indien nach wie vor Tradition. Dies erscheint umso problematischer, als die Mädchen meist in jungen Jahren schon verheiratet werden. „Kinderheiraten sind omnipräsent in Indien und belasten insbesondere sehr junge Mädchen in diesen Ländern“, erklärt Pascal Mounchid, der an der Universität Konstanz seinen Masterabschluss in Politik und Verwaltung macht. „Diese kulturelle Praxis führt unter anderem dazu, dass die Mädchen nicht mehr als Kind oder als Jugendliche gesehen werden, sondern auch als Marktwert, als Objekt, das man quasi kauft oder verkauft, um die Familie generell ökonomisch besserzustellen.“

Mounchid hat sich dem Thema Kinderheirat in einer Hausarbeit gewidmet, die er im Rahmen des Seminars „Development and Conflict“ verfasst hat. Dabei untersuchte er, wie sich die Corona-Pandemie auf die Anzahl der geschlossenen Kinderehen in Indien auswirkte. Dies verglich er mit dem Land Sambia, wo statt der Mitgift ein Brautpreis vonseiten der Familie des Bräutigams gefordert wird – quasi als Entschädigung für die fehlende Arbeitskraft der Tochter. „Die Hausarbeit selbst wurde von den Seminarleiterinnen Lena Hönig und Prisca Jöst begleitet. Für deren Weiterentwicklung in ein Paper jedoch war Janina Steinert, Professorin für Global Health an der TU München, entscheidend“, betont Mounchid, der damals als wissenschaftliche Hilfskraft an deren Professur arbeitete.  „Dabei half mir besonders, dass Frau Steinert ihre Erfahrung mit Feldforschung in Indien und Sambia einbrachte und mir den Zugang zu den Primärdaten eröffnete.“

Wissenschaftliche Methoden angewandt
Deskriptive Statistiken von etwa 4.600 jungen, teils minderjährigen Mädchen in den beiden Ländern – 3.000 in Indien, 1.600 in Sambia – standen den Forschenden bereits durch ein paralleles Projekt von Steinert zur Verfügung. Und durch KooperationspartnerInnen vor Ort wurden zusätzlich qualitative Interviews geführt. Ziel war es herauszufinden, ob sich die Zahl von Kinderheiraten angesichts der Corona-Pandemie erhöht hatte oder gesunken war. Für die Interpretation der statistischen Daten wurde das Durchschnittsalter der Mädchen ebenso berücksichtigt wie der sozioökonomische Hintergrund der Eltern – deren Einkommen, die Bildung der Eltern und weitere wichtige Faktoren. Die Forschenden wollten den Zusammenhang aus ökonomischer, pandemischer Belastung und kulturellen Normen im Rahmen einer sogenannten multivariablen Regression untersuchen. Regression ist ein statistisches Schätzmodell über den Zusammenhang verschiedener Variablen.

„In Indien hatten wir erwartet, dass die Anzahl der Heiraten gesunken sei. Traditionell zahlt die Familie der Braut eine Mitgift und kommt finanziell für die Hochzeit auf. Wenn die Familie der Braut aufgrund von Corona wirtschaftlich Not litt, so dachten wir, würde sie mit dem Verheiraten ihrer Töchter warten. In Sambia verhält es sich andersherum. Dort bekommt die Familie der Braut einen Brautpreis . Da sie aufgrund dieses Brautpreises mehr Geld bekommen würde, hatten wir angesichts der Pandemie für Sambia eine steigende Anzahl von Kinderheiraten erwartet.“

Pascal Mounchid

Ergebnisse – ganz anders als erwartet
Gespannt wartete das Forschungsteam auf die Ergebnisse aus Daten und qualitativen Interviews. „Wir waren komplett überrascht“, fasst Mounchid zusammen, „keine unserer Annahmen traf zu. Stattdessen mussten wir alle Hypothesen verwerfen.“

Denn unter Corona fielen in Indien die Mitgift-Forderungen plötzlich niedriger aus. Und wegen der Lockdowns wurden Hochzeiten deutlich billiger. „Anstelle der erwarteten Abnahme von Hochzeitsfeiern fanden in Indien plötzlich mehr davon statt. Die Eltern konnten ihre Töchter für deutlich weniger Geld verheiraten, zumal die üblichen Großhochzeiten mit 200 oder mehr Gästen nicht stattfinden konnten. Und mit 20 Gästen ließ es sich deutlich günstiger feiern“, sagt der junge Forscher. Das bedeutete jedoch auch, dass der Prozentsatz von Mädchen, die minderjährig verheiratet wurden, von 6,5% auf etwas über 11% anstieg. „Und auch unter den Minderjährigen gaben knapp 20% an, dass sie jünger verheiratet wurden, als das vor der Pandemie praktiziert wurde“, fügt der Wissenschaftler hinzu. „Das konnte bedeuten, dass sie schon mit 15 Jahren statt mit 16 das Elternhaus verlassen und zur Familie des Bräutigams ziehen mussten.“

Auch in Sambia gaben die Daten die erwartete Wirkung, eine Zunahme an Kinderhochzeiten, nicht her. Dort hatten die Eltern des Bräutigams, die den Brautpreis hätten zahlen müssen, aufgrund von Corona weniger Geld zur Verfügung. Daher war es für sie zu dem Zeitpunkt offensichtlich nicht attraktiv, eine Hochzeit durchführen zu lassen. Dazu Mounchid: „Auch in Sambia hat Corona die wirtschaftlichen Bedingungen komplett geändert. Eine Erklärung könnte sein, dass die Not alle traf, auch die Familien der Bräutigame.“ Jedoch bedeutete das nicht, dass die Anzahl der Hochzeiten stark zurückging. In den Interviews nannten Mädchen und Mütter andere Gründe für Eheschließungen zu jener Zeit: Die Schulen waren geschlossen, das Schulgeld fehlte und die Aussicht auf einen Abschluss verschwand. „Die Gedanken an die Schule waren weg“, berichtete ein Mädchen in der Gruppendiskussion.

© Prof. Dr. Janina Isabel Steinert, Professur für Global Health, Technische Universität München

Interviewgruppe in Sambia

Von der Hausarbeit zur Publikation
Die Ergebnisse waren so frappierend, dass das Team beschloss, das Hausarbeitsthema gemeinsam zu einer Publikation auszuarbeiten. Das Team führte also eine Datenauswertung durch, die nicht Teil der Hausarbeit gewesen war. Hinzu kamen Kapitel, die ein politikwissenschaftliches Paper üblicherweise enthält, wie die Diskussion der Ergebnisse. Von der Herleitung der thematischen Relevanz bis hin zur Konklusion, also der Schlussfolgerung aus den Ergebnissen, hatte der eingereichte Entwurf rund 5.000 Wörter mehr als die Hausarbeit.

Doch die zunächst adressierte wissenschaftliche Zeitschrift, World Development, lehnte die Veröffentlichung des Artikels ab. Und auch der danach angeschriebene Zeitschriftenverlag, Journal of Development Studies, wo das Paper in das Peer-Review-Verfahren ging, antwortete abschlägig. Das Thema Kinderheirat sei mittlerweile ausgiebig erforscht oder der fachliche Zuschnitt passe nicht zu den Journals, so die jeweiligen Begründungen für die beiden Absagen. Inzwischen waren zehn Monate vergangen.

„Janina Steinert hatte mich zwar darauf vorbereitet, dass so ein Peer-Review-Verfahren nicht automatisch in einer Zusage mündet, doch mich haben diese beiden Absagen schon arg enttäuscht. Auch wenn sie mir vorhergesagt hatte, dass wir ein bisschen würden kämpfen müssen.“

Pascal Mounchid

Aller guten Dinge sind drei
Am 26. August 2025 starteten die Forschenden einen dritten Versuch und reichten das Paper bei PLOS ONE, einer renommierten interdisziplinären Zeitschrift, ein. Die neuen GutachterInnen hatten einige kleinere Kritikpunkte, die das Team verbesserte, wie Mounchid erzählt: „Das war ein ganz wunderbares Arbeiten mit den Gutachtern, die uns wertvolle Tipps gaben und sich schließlich sehr beeindruckt von der Überarbeitung zeigten.“

Am 4. Mai 2026 erhielt das Team endlich die Nachricht: Der Verlag würde den Artikel binnen eines Monats veröffentlichen. „Man kriegt eine sehr lange, formelle E-Mail und fragt sich dann ‚Oh, was kommt da jetzt?‘ Und schließlich liest man den entscheidenden Satz inmitten dieser Mail: ‚Ihr Paper ist akzeptiert.‘ Das fand ich einfach wunderbar“, resümiert der Masterstudent.

Der Artikel „The interplay of economic shocks and cultural practices in child marriage: Comparative evidence from India and Zambia during the COVID-19 pandemic”, verfasst von Pascal Mounchid (Erstautor), Shruti Shukla und Janina Steinert, ist nachzulesen unter: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0346851
 

Claudia Marion Voigtmann

Von Claudia Marion Voigtmann - 22.10.2026