Mit Role Models zur Exzellenz

Prof. Dr. Salma Kuhlmann und Dr. Gabriela Michalek nutzen die Initiative „Konstanz Women in Mathematics“, um Nachwuchswissenschaftlerinnen zu demonstrieren, was für sie zwischen Algebra und Steuerungstheorie alles möglich ist.

Es ist das Beispiel von A, B, C, D und F. Die ersten vier Buchstaben repräsentieren Mathematiker, F steht für eine Mathematikerin. Alle fünf arbeiten an einem Forschungsantrag, der aus drei Projekten besteht. Am Ende stellt das Antragsteam fest, dass nur drei Principal Investigators erlaubt sind. A, B und C ernennen sich selbst dazu, wofür sie sich bei D entschuldigen, der leer ausgeht. F hingegen wurde völlig übergangen.

Ein Modellbeispiel von Salma Kuhlmann für die Rolle von Frauen in der mathematischen Forschung. Die Mathematikerin präsentierte 2017 im Rahmen der Ausstellung „Women of Mathematics throughout Europe. Gallery of Portraits“ in der Bibliothek der Universität Konstanz. Sie stellte die Initiative „Konstanz Women in Mathematics“ (KWIM) vor, durch die die Ausstellung über erfolgreiche Mathematikerinnen ermöglicht wurde. Das Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity der Universität Konstanz stellt seit 2013 Mittel zur Verfügung, um Frauen in der Mathematik auf ihrem Karriereweg zu Unterstützen.

Salma Kuhlmann ist Professorin für Mathematik an der Universität Konstanz – als bislang erste und einzige Frau im Fachbereich auf einer W3 Professur. Derzeit forschen und lehren dort außerdem zwei Juniorprofessorinnen. Sie setzt sich dafür ein, den Frauenanteil in der Mathematik zu erhöhen. Ihr Anliegen ist, Mathematikerinnen zu ermutigen, sich nicht mehr übersehen zu lassen, ihren Fähigkeiten zu vertrauen und sich durchzusetzen. Wie das geht, sollen unter anderem die KWIM-Veranstaltungen vermitteln, und das ganz konkret: durch Beratung, eine Vortragsreihe, Tagungen und Veranstaltungen wie die „Gallery of Portraits“ (hier geht es zu den bisherigen Veranstaltungen).
Die Fotoausstellung, in der damals rund 20 europäische Mathematikerinnen anhand von Fotos und Lebensläufen porträtiert wurden – bis heute sind noch einige hinzugekommen – war mehrere Wochen in der Bibliothek der Universität zu sehen. Sie geht auf die Initiative der „European Women in Mathematics“ zurück, die mit der Wanderausstellung auf die Wirkung von Role Models setzt. So auch Salma Kuhlmann: „Role Models sind extrem wichtig in der Mathematik. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Wirkung am stärksten ist, wenn junge Studentinnen oder Mitarbeiterinnen, die sich eine Karriere in der Mathematik vorstellen können, sehen

Frauen können Mathematik, und das auch noch sehr gut.

Prof. Dr. Salma Kuhlmann

Als sie 2009 am Fachbereich Mathematik und Statistik ihre Professur antrat, war das, als ob man auf sie gewartet hätte. Die Frauen kamen ganz von selbst in ihre Sprechstunde. „Ich musste gar nichts machen, um sie in meine Arbeitsgruppe einzubeziehen. Sie sind einfach zu mir gekommen.“ Es waren Frauen auf sämtlichen Karrierestufen: Studentinnen, die ihre Masterarbeit bei ihr schreiben wollten, Postgraduierte, die bei ihr promovieren wollten, oder Postdoktorandinnen mit Habilitationsabsichten.
Mitarbeiterinnen von ihr waren es auch, die sich in den kommenden Jahren jeweils mit einer 25-Prozent-Stelle um die Veranstaltungen kümmerten. Alle drei haben nach ihrem Abschluss Karriere in der Mathematik gemacht. Seit drei Semestern koordiniert Dr. Gabriela Michalek das KWIM-Programm und ist unter anderem für die Organisation der Vortragsreihe zuständig. Sie selbst ist promovierte Umweltökonomin und begeistert sich für die Aufgabe: „Es gibt sehr viele exzellente Frauen in der Mathematik, es ist dringend nötig, ihnen mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Bei den Vorträgen diese hervorragenden Wissenschaftlerinnen kennenzulernen und ihren Geschichten und Ratschlägen zuzuhören, ist sehr inspirierend.“
In den Vorträgen wird überwiegend Forschung vorgestellt. Die Referentinnen kommen aus ganz verschiedenen Gebieten der Mathematik, von der Algebra bis zur Steuerungstheorie. Es sind nationale wie internationale Gäste, genauso Professorinnen wie Postdocs. Manch eine Vortragende ist bereit, zum Schluss auch von sich selbst zu erzählen, davon, wie sie es – vielleicht sogar auf eine sehr renommierte Professur – geschafft hat. Wie Salma Kuhlmann an der Universität Konstanz.
Die gläserne Decke, an die Frauen jedoch nach wie vor stoßen, führt die Mathematikerin auf den sogenannten „Unconscious Bias“ zurück, eine unbewusste Voreingenommenheit, die nach ihrer Erfahrung für Frauen noch problematischer ist als Vorurteile oder negative Stereotypen. Im Gegensatz zu den letzteren hat die Person mit der unbewussten Voreingenommenheit überhaupt keine Ahnung von ihrem Vorurteil. An eine beispielhafte Episode, eine von nicht wenigen solcher Vorkommnisse auf ihrem Karriereweg, erinnert sich Salma Kuhlmann gerade im Zusammenhang mit ihrer Berufung nach Konstanz.
In ihrer damaligen Universität, der University of Saskatchewan in Kanada, wo sie eine Professur mit Tenure Track hatte, gab es zu diesem Anlass eine kleine Feier. Irgendwann klopfte ihr jemand auf die Schulter. Es war einer ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter, der meinte, ihr versichern zu müssen, dass sie die Stelle nicht nur bekommen habe, weil sie eine Frau, sondern weil sie auch gut sei. Er hielt das für ein Kompliment.
Den Frauen beizubringen, diesen weit verbreiteten „Unconscious Bias“ zu erkennen und sich in der Folge nicht einschüchtern zu lassen, hält Salma Kuhlmann für entscheidend. Mit dem Einsatz der Role Models arbeitet „Konstanz Women in Mathematics“ daran, den Frauen auch in dieser Hinsicht den Rücken zu stärken. Ende 2021 stand Ada Lovelace im Mittelpunkt einer Veranstaltung mit unterschiedlichsten Formaten. Die britische Mathematikerin war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Erstellen des ersten Computerprogramms beteiligt. Ein Film über sie sowie ein Gespräch mit der Hauptdarstellerin und dem Regisseur schlossen sich an.

Hier geht es darum, sowohl über Role Models Aufmerksamkeit zu schaffen als auch die Geschichte der Mathematik kennenzulernen

Dr. Gabriela Michalek

Solche nicht wissenschaftlichen Veranstaltungen kommen sehr gut an, wie Gabriela Michalek weiß. Im Mai 2022 wird in der Aufführung „Diving into Math with Emmy Noether“/„Mathematische Spaziergänge mit Emmy Noether“ des Portraittheaters die Bedeutung der Mathematikerin herausgestellt.

Letztendlich ist das Ziel von Salma Kuhlmann exzellente Leistung im Dienst der Mathematik, an der die Frauen ihren gebührenden Anteil haben sollen. Deshalb die Diskussion über die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Mathematik (siehe auch das Interview von Gabriela Michalek mit Bernd Sturmfels, Direktor des Max-Planck-Instituts Leipzig). Auf ihren eigenen Karriereweg schaut sie gelassen zurück: „Für mich war eine Karriere in der Mathematik die einfachste überhaupt. Da ich reine Mathematik mache, brauchte ich nur Papier, Bleistift und meinen Kopf.“ Diese Unabhängigkeit hat es ihr erlaubt, während des Promovierens eine Familie zu gründen. Seit ihrem Studium hat sie durch exzellente Leistungen überzeugt: angefangen bei ihrem Masterstudium an der McGill University in Montreal über ihr Promotionsstudium in Paris bis zu ihrer Habilitation an der Universität Heidelberg.
Hindernissen ist Salma Kuhlmann mit der Formel begegnet: „Konzentrier‘ dich auf deine Arbeit, so dass die Exzellenz für sich selbst spricht.“ Für sie gilt bis heute die „traurige Wahrheit: Will eine Frau in der Mathematik so gut sein wie ein Mann, muss sie besser sein“. Um die Gleichstellung von Frauen in der Mathematik ins Bild zu setzen, zieht sie gern Darwins Evolutionstheorie heran: Es gibt eine Entwicklung, wenn sie auch langsam verläuft. Insbesondere seit sich die Politik für mehr Frauen in der Mathematik einsetze, gehe es voran.
Salma Kuhlmann sieht das allerdings auch kritisch: „Viele Mathematikerinnen haben Angst davor, von der Frauenförderung zu profitieren, weil sie Angst davor haben, dass man ihnen sagt, du bist berufen worden, nur weil du eine Frau bist.“ Die wissenschaftliche Exzellenz hat für sie Priorität. Sie sagt aber auch: „Wir Frauen in der Mathematik sollten eine dicke Haut entwickeln.“ Mit der Unterstützung durch die Politik hofft sie, dass alles ein bisschen schneller geht. „Darwinismus im Schnellverfahren“ nennt sie das.

 

Prof. Dr. Salma Kuhlmann ist seit 2009 Professorin für Mathematik an der Universität Konstanz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Reelle Geometrie und Algebra. An der University of Saskatchewan in Kanada wirkt sie außerdem als Adjunct Professor (Privatdozentin). Sie hat 2013 „Konstanz Women in Mathematics“ initiiert und ist seither die für das Programm zuständige Professorin.

Dr. Gabriela Michalek ist seit 2021 im Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity für Chancengleichheit in Forschungsverbünden der Universität Konstanz zuständig. Im Fachbereich Mathematik und Statistik ist sie Ansprechperson bei Fragen zu Gleichstellung und Diversity und koordiniert „Konstanz Women in Mathematics“.

Dr. Maria Schorpp

Von Dr. Maria Schorpp - 25.03.2022